Ein Brief an die Kunststoff-Industrie

Wer die am vergangenen Sonnabend eröffnete Düsseldorfer Fachmesse und Leistungsschau „Kunststoffe 1925“ gesehen hat, weiß, was die Kunststoffe heute können, wie viele Einsatzmöglichkeiten es gibt. Wenn man jedoch – nicht als Experte der Kunststoffindustrie, nicht als jemand, der zu Kunststoffverarbeitern Beziehungen hat – als schlichter „Normalverbraucher“ die in Düsseldorf erworbene Kunststoffbegeisterung anwenden möchte, dann fällt das leider gar nicht so leicht...

Ein Beispiel: Neulich wollte ich mir einen Koffer kaufen, und zwar einen Plastikkoffer, der ja nicht nur dauerhaft, sondern auch gut abwaschbar ist. Ich bin in verschiedenen Städten durch die Geschäfte gelaufen, und was bekam ich überall zu hören? „Kunststoff? Aber bitte sehr, nehmen Sie doch einen anderen Koffer, der kostet nur 10 DM mehr!“ Mein Hinweis darauf, daß ich einen Plastickoffer wünschte, schon wegen der Abwaschbarkeit, wurde ziemlich verständnislos entgegengenommen; offenbar waren die meisten Verkäufer und Verkäuferinnen darüber überhaupt nicht im Bilde. – Ein anderes Beispiel: Ich beziehe demnächst eine neue Wohnung und hatte den Wunsch, daß Küche, Bad und Diele mit Spachtelfußböden ausgelegt werden. Ebenso schwebte mir vor, für das Badezimmer Kunststoffkacheln zu verwenden. Ergebnis: Der Architekt lehnte das glatt ab. Und zwar unter Hinweis darauf, damit gäbe es noch nicht genügend Erfahrungen, und er könne dafür keine Garantie übernehmen. Ich mußte sehr nachdrücklich werden, und nur sehr unwillig gab er nach. Offenbar hatte er noch nicht nicht genügend Gelegenheit, Kunststoffeinsatz aus eigener Anschauung kennenzulernen. – Und noch ein Beispiele Neulich wollte ich meiner Frau eine Damenhandtasche kaufen. Zu meinem Bedauern mußte ich feststellen, daß die schicken Modelle sämtlich nur in anderem Material vorhanden waren.

Weshalb, so fragt man sich als Laie, weshalb sorgt die Kunststoffindustrie nicht dafür, daß wirklich gute, nicht auf „billig“ verarbeitete Modelle – keine Lederimitationen, sondern eigenständige, in dieser Musterung nur dem Kunststoff mögliche – hergestellt werden, die man mit gutem Gewissen auch einer etwas anspruchsvollen Frau schenken kann?

Auf dem Gebiet der Industriewerkstoffe mögen die Kunststoffe viel Terrain gewonnen haben, wahrscheinlich viel mehr, als uns Laien bewußt ist. Beim täglichen Bedarf, den Konsumgütern jedoch, fehlt es noch an vielem. Der Einzelhandel hat verständlicherweise kein besonderes Interesse, gerade Kunststoffartikel zu fördern. Er forciert immer nur das, was die Verbrauchermassen bereits verlangen. Wo aber sollen wir Verbraucher die Kunststoffkenntnisse erwerben? Hier gibt es eine Lücke, und die müßte endlich geschlossen werden.

Mein Vorschlag: Richten Sie in jeder großen Stadt einen zentralgelegenen Laden ein, der nur Kunststoffartikel führt, und zwar für die verschiedensten Gebiete: Haushaltsbedarf, Spiel- und Sportwaren, Täschnerwaren, Elektroinstallation, ein Laden, dessen Keller- und Nebenräume vielleicht auch die Verwendung von Kunststoffen beim Wohnungsbau demonstrieren könnten. Dann könnte man zögernde Architekten einfach dorthin einladen. Ein solcher Laden wäre nicht nur eine kleine Überraschung, sondern zugleich eine ständige Kunststoffausstellung. Wahrscheinlich sollte man ihn unter das Zeichen des schönen „K“ stellen, das wieder für die Düsseldorfer Ausstellung geworben hat: Das Beste aus Kunststoff.

Wann werden wir wohl die Freude haben, den ersten K-Laden zu sehen? Harry Damrow