Spannend war der Gang durch einige Westberliner Schauspieltheater. Problematisch blieb dabei das repräsentative Schillertheater. Daß schon zweimal der Darmstädter Intendant Sellner, als Regisseur am wenigsten angefochten, diese Bühne und ihr Amphitheater meisterte – im vorigen Jahr mit Shakespeares noch immer gespieltem „Troilus und Cressida“, in diesem Jahr mit Schillers „Don Carlos“ – das ist bemerkenswert, nachdem Stroux Berlin mit Düsseldorf vertauschte. Boleslav Barlog, Westberlins städtischer Schauspielintendant, macht dagegen in seinem „großen Hause“ eine unglückliche Figur. Nicht viel anders als seine „Teil“- und „Faust“-Inszenierungen blieb Barlogs Regie in Zuckmayers „Kaltem Licht“ bedenklich unter dem geistigen, ja auch unter dem theatralischen Anspruch des Stückes. Fehlbesetzungen und der glanzlose Einsatz von hervorragenden Schauspielern hielten die Berliner Erstaufführung unter dem Gründgens-Niveau der Hamburger Uraufführung. Überraschend änderte sich das Leistungsbild, sobald man in Steglitz das Schloßparktheater, also Barlogs „kleines Haus“, betrat. Es ist seine eigentliche Domäne. Hier konnte man auch unter anderen Regisseuren wahre Wunderwerke der Schauspielkunst sehen. Die Uraufführung der Festwochen – eine unter zehn – stellte einen unbekannten, von Hans Rothe empfohlenen Amerikaner vor. Er nennt sich Rawlings Stuart Boone. Unter dem deutschen Titel „Von Mensch zu Mensch“ rollt ein Bühnenfilm ab: die Praxis und die Familienkalamitäten eines professionellen „Seelenberaters“, der seinen Kunden neunmalkluge Psychotips verkauft, selber aber die Tochter, den Sohn und schließlich gar an den Schwiegersohn die eigene Frau verliert. Nicht übel gemacht, doch auch nicht mehr als Serienimportware, in ihrer Lebensweisheit ebenso billig wie der Seelenberater. Dem Regisseur Rudolf Noelte diente das Szenarium zum Anlaß für eine Aufführung, die mit Bernhard Minetti, Ruth Hausmeister, Klaus Kammer, Heike Balzer und anderen Schauspielern just das auf die Szene zauberte, was als Rangbegriff noch immer „Berliner Theater“ heißt: differenziert, fiebernd, subtil in der seelischen Zeichnung, randscharf bis zur letzten Charge, schlechthin vollkommene, ja, den Autor überrundende Wiedergabe. Ein würdigeres Objekt fand solche Kunst, vor der ein Parkett mit vielen Intendanten und Dramaturgen aus Westdeutschland förmlich in die Knie sank, an Georg Kaisers Wintermärchen „Der Silbersee“ mit der Musik von Kurt Weill. Das Stück wurde 1933 bei der Leipziger Uraufführung buchstäblich niedergeknüppelt. Jetzt lenkte es den Blick auf jenes Reservoir, das mit vielen, neu zu überprüfenden Stücken Kaisers und mit zahlreichen in Deutschland gänzlich unbekannten Schöpfungen Kurt Weills dem deutschen Theater als echter, noch unbewältigter „Nachholkursus“ zur Verfügung steht. Obwohl, von dem hinreißend „trockenen“ Paar Berta Drews-Aribert Wäscher abgesehen, keiner der Darsteller und auch nicht der Regisseur Hans Lietzau über die Kaiser-Tradition als persönliche Erinnerung verfügten, war es bestürzend, wie nachtwandlerisch sicher sowohl Lietzaus Regie wie die beiden männlichen Hauptdarsteller, Ernst Wilhelm Borchert und Hans-Dieter Zeidler, diesen Georg Kaiser spielten. Das war Signal und Vorbild aus Berlin.

Das geistige- Klima der „Frontstadt“ verspürte man schließlich am Kurfürstendamm. Seine nächtlichen Neonfassaden ähneln nur äußerlich dem Bilde westdeutscher Großstädte. Im abgeschnürten Westberlin ist der Krieg noch nicht vergessen. Hier findet ein Kulturkampf statt. Der dritte Dramaturgenkongreß, der wiederholt bedeutsam in die Festwochen hineinwirkte, hatte an einem Vormittag eine öffentliche Diskussion über Politik und Dichtung veranstaltet. Schon in den ersten Minuten spitzte sich das lebhafte Gespräch auf die Frage zu: Soll, ja darf man die Werke Brechts in Westberlin spielen? Manche Stimmen sagten „ja“. Aber gegen ihren Versuch, die Diskussion auf die Ebene künstlerischer Begriffe zu heben, machten sich Proteste bemerkbar. Sie stellten das Kunstwerk in den politischen Raum und prüften auch die Moral des Autors. Man verstieg sich bis zu, Äußerungen wie dieser: „Man muß Haß gegen Haß setzen und erst wieder zu lieben anfangen, wenn die Bedrohung vorbei ist.“ Die Kunst im Werk eines politisch angreifbaren Dichters wurde in das „Reich der Dämmerbegriffe“ verwiesen.

Den Beitrag des Theaters zu dieser wilden Debatte lieferte am Kurfürstendamm das Volksbühnentheater O. F. Schuhs. Es brachte als Uraufführung die Neufassung von Max Frischs „Chinesischer Mauer“ heraus. Ein bestechendes Szenarium! Es fixiert mit der Objektivität eines Schweizers die westliche Position: der Geist, der in Gestalt eines anachronistischen Intellektuellen, des „Heutigen“, gegen den Machtwahn eines chinesischen Imperators die Atombombe ins Treffen führt – „die Sintflut ist herstellbar“ –, er wird als ohnmächtig demaskiert. Die Liebe aber, die sich in Person der chinesischen Kaisertochter dem „Heutigen“ verbindet, wird von der Macht geschändet. Ein deprimierendes Fazit. Immerhin, ein gescheites Stück. Aber seltsam: T. Williams „Camino Real“ wird von den Theaterbesuchern angestarrt, auch wenn sie des Autors Spiel mit Literaturfiguren, genau wie Frisch es tut, zunächst nicht verstehen. Warum? Der Amerikaner beherrscht die Kunst der Szene. Auch die Stücke Brechts haben Zuschauer, die nichts mit der Tendenz dieser Werke gemein haben und ihnen dennoch lauschen. Warum? Brecht ist ein Dichter, der seine Gedanken transzendierende Sprache werden läßt. In Frischs „Chinesischer Mauer“ begreift auch der Westdeutsche, daß hier seine Sache verhandelt wird. Aber – anders als der Berliner auf dem Pulverfaß seiner Existenz – distanziert sich der Gast aus dem Westen von einer intellektuellen Brillanz, die künstlerisch allenfalls die Tragkraft eines guten Kabaretts erreicht.

Das Problem also, das zwischen Berlin und dem Westen auszuhandeln bleibt, ist die Frage nach dem Lebenswert der Kunst. Im Existenzkampf der „Frontstadt“ gedeihen hier und da wieder Spitzenleistungen künstlerischer Wiedergabe, dem Westen ein Beispiel. Wo es aber um Sein oder Nichtsein geht, herrscht in Berlin auch gegenüber unbezweifelbaren Kunstwerten doch der Primat der Politik. Ist die westdeutsche Bereitschaft zur Tolerierung aller, auch zerstörender Meinungen, sofern sie Form haben, nun Stärke oder Indifferenz?

Johannes Jacobi