Zu dem Berlin-Buch eines neuen Autors

Von Hans Schwab-Felisch

Endlich einmal wieder ein Erzähler, der das Berliner und das Märkische Idiom beherrscht und mit ihm umzugehen weiß in allen seinen Spielarten. Seit Tucholsky – wer wäre da zu nennen? Ich wüßte niemanden. Dieser neue Autor aber kann es. Der Ton des biederen, festen kleinen Mannes mit seinen schnoddrigen Verkürzungen, mit seinen bedächtig ausgesprochenen Gedankenstrichen – "ich will mal sagen" –, mit seiner charakteristischen Syntax, der eigenwilligen Grammatik. Die angereicherte Sprache des Mannes aus der Stadt selbst und die dumpfere, breitere vom Lande mit ihren Schleifen. Daneben aber auch das verfeinerte Berlinisch, das sich ganz hochdeutsch gibt, mit dem leichten Hang zur snobistischen Sprachvolte, der Lust an entlegenen Ausdrücken, die Sprache der fröhlich gereiften jeunesse dorée, die vom Gepflegten nur allzugern Ausflüge ins Kräftige, Bildhafte unternimmt, vom Parkett direkt auf die Straße tritt.

Nun ist zwar mit diesen Hinweisen noch nichts über das Buch gesagt – aber immerhin: daß einer da ist, der das Berlinische mit seinen quicklebendigen Eigenheiten und in seinen heutigen Erscheinungsformen so virtuos beherrscht, ist eines Ausrufungszeichens wohl wert. Der Mann ist neu in der Literatur, dies Buch, Irrtum vorbehalten, sein erstes:

Hans Scholz: "Am grünen Strand der Spree", So gut wie ein Roman, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 369 S., 15,80 DM.

"So gut wie ein Roman" bezieht sich auf die Form des Buches. Es ist die einer zyklischen Rahmenerzählung, die sich zu einem Roman weitet. Scholz spielt ausgezeichnet auf dieser Klaviatur, er läßt die Fäden zwischen seinen einzelnen Erzählern hin- und herlaufen, stellt die Erlebnisse in einen größeren – bisweilen in einen etwas zu weitgefaßten – Zusammenhang und spiegelt seine Hauptfigur, die betörende Barbara Bibiena, indirekt von allen Seiten, ehe sie selbst, im Morgengrauen, der kräftig pokulierenden Erzählerrunde und dem Leser vor Augen tritt. Das ist mit großer Kunstfertigkeit und nicht ohne Delikatesse gemacht. Bisweilen wäre auch weniger mehr gewesen, es gibt Wucherungen, und einige Erzählungen haben schier Romanformat.

Scholz geht es offenbar um eine Rehabilitierung Berlins, des Preußischen in seinen guten Erscheinungsformen und des Menschenschlages jenseits der Elbe überhaupt. Sein Standpunkt ist der des aufgeklärten Aristokraten, nicht der Geburt, sondern der Tenue. Dem Kargen und Spröden will er ein Denkmal setzen, dem Anstand, der überall zu Hause ist und der sicheren Gelassenheit in den Stürmen der Zeit. Die Schiffermütze der Märker ist ihm lieber als der vom Süden importierte Jägerzuschnitt.