Seit einem halben Jahrhundert ist Tibet für Deutsche, Franzosen, Engländer und – als einem der ersten – dem Schweden Hedin die große Sphinx unter den Ländern der Erde. Es mag der Kontrast zwischen der heroischen Einöde der Natur und der unvergleichlich hohen Kultur der wenigen Bewohner sein, der Tibet für alle Forscher zum Inbegriff einer geheimnisumwitterten Landschaft werden ließ.

1945 zog es den französischen Arzt und Globetrotter André Migot in das Reich der Mitte. Man sagt, er sei der letzte Europäer gewesen, der China bereiste, bevor der "Bambusvorhang" fiel. Ihren Niederschlag fand diese mutige Solo-Expedition in dem Buch:

André Migot: Vor den Toren Tibets. Übertragen von Leonore Schlaich. Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart. 288 Seiten, 16 Bildtafeln. 14,80 DM.

Sieben Jahre lang durchstreifte Migot zu Fuß, auf Lkws oder mit Yak-Karawanen das chinesischtibetanische Grenzgebiet und Indochina. Er wird von Banditen leergeplündert, in der Verkleidung eines Bettelmönchs ausgewiesen, als er in das verbotene Lhasa gehen will, und schließlich noch von den Kommunisten verhaftet, die ihn für einen Spion halten.

Soweit wäre das Buch interessant und, bei der Fähigkeit des Autors, aufregende Dinge scheinbar unbeteiligt zu sagen, auch spannend zu nennen. Was diesen Band aber über das Niveau der Abenteuerschmöker hinaushebt, das ist die Liebe des universellen Autodidakten, mit der er sich in das Studium des untergehenden alten China und der buddhistischen Religion-versenkt.

Migots Anteilnahme geht dabei soweit, daß er Mitglied der lamaistischen Karmapa-Sekte wird. Das Buch durchzieht eine wehe Abschiedsstimmung, die Migot in den schlichten Worten zusammenfaßt: "Ich fragte mich unwillkürlich, welcher Dämon mich durch die ganze Welt trieb, der ich doch genau wußte, daß ich den inneren Frieden hier finden könnte." Wie man auch zu dem Bekenntnis des Verfassers stehen mag: er schuf ein Werk, das durch seinen noblen Charakter besticht.

Günther Specovius