Es ist noch gar nicht solange her, da pflegten gewisse Kreise mit mokantem Lächeln die Tatsache zu kolportieren, daß der sozialisierte Bergbau Großbritanniens nicht mehr in der Lage sei, seine Kohlenexporte durchzuhalten, und daß er als einer der größten Weltkohlenlieferanten Abschied nehmen müsse. Vielleicht wird es gar nicht mehr solange dauern, dann können die Briten mit dem gleichen mokanten Lächeln dasselbe von uns sagen. Denn wenn die Inaktivität in der Kohlepolitik so weiter andauert wie bisher, dann wird der deutsche Kohlenbergbau statt mit erhofften Fördererhöhungen, mit chronischem Förderrückgang aufwarten müssen.

Bereits seit Monaten gehen die Förderzahlen des Steinkohlenbergbaues zurück. Die aus politischen Erwägungen heraus erzwungene jahrelange Unrentabilität der Ruhrkohle beginnt sich auszuwirken. Und das mitten in einer Hochkonjunktur, die am Bergbau vorübergehen muß, ohne daß ihm von dem Goldtau dieser Jahre einige Tropfen verbleiben. Wurde der deutsche Kohlenpreis schon früher verhältnismäßig niedrig gehalten, was aber durch die harmonische Verflechtung mit und in großen Konzernen aufgefangen wurde, so haben die Alliierten mit den Mitteln der damaligen Internationalen Ruhrbehörde den Kohlenpreis auch nach 1945, sogar noch nach 1948, auf Tiefstand gedrosselt – eine Politik, die inzwischen die Hohe Behörde fortgesetzt hat. Denn die deutsche Kohle ist als einzige innerhalb der Montan-Union durch bewußt niedrige Höchstpreise die billigste Kohle auf dem Kontinent.

Daraus resultiert eine ungesund überhöhte Nachfrage nach Ruhrkohle und eine Verzerrung des Marktbildes. Da aber dem Bergbau durch den Gesetzgeber die Preise beschnitten, eine den Verhältnissen gerecht werdende Steuerpolitik vorenthalten und eine pflegliche Personalpolitik weitgehend unmöglichgemacht wurde und: wird, fehlen seit nunmehr zehn Jahren die gesunden ökonomischen Voraussetzungen, die Förderleistung nachhaltig steigern zu können. Es gehört schon eine gehörige Portion Unbekümmertheit dazu, die Warnungen der Betroffenen wie der Publizistik immer noch so entschlußlos unbeachtet zu lassen wie bisher. Offenbar sind es für gewisse Kreise im "reichen" Westdeutschland "kleine Fische", zwanzig Milliarden DM verlieren zu können. Bei den aufgeblähten Milliardenetats der öffentlichen Hand und der Kassenfülle des Fiskus ist es auch schwer, einem Beamten beizubringen, was schon ein Tausendmarkschein industriellen Kapitals bedeuten kann. Der Bilanzwert der Anlagen des Steinkohlenbergbaues liegt gegenwärtig bei etwa 8 Mrd. DM, was einem Gegenwartswert von rund 15 bis 20 Mrd. DM entsprechen dürfte. Und diese Größenordnung steht auf dem Spiel. Die neue Kohlenpolitik und das längst versprochene Kohlen wirtschaftsgesetz stehen immer noch in den Sternen. Es ging ja bisher "gut"; so wird es auch weitergehen, meint man. Doch die ernsten Symptome zeichnen sich bereits ab: Förderausfall, Belegschaftsschwund und keine Neigung, im notwendigen Umfang neue Schächte abzuteufen; d. h. Hunderte von Millionen DM an frischem Kapital, in die schwarze Tiefe zu stecken.

Man möge es uns nicht übelnehmen: zuweilen haben wir den Eindruck, als ob vor lauter Atom rummel das Maß der Dinge in der Gegenwart verlorengeht. Zwar sind auch wir der Auffassung, daß schon in zehn Jahren die Zusammensetzung der Energiebilanz tiefgreifend anders aussehen wild als heute, daß dann der Atomstrom zu einer beachtlichen Größenordnung geworden ist, daß das Öl einen breiten Raum einnimmt und die Kohlen, wie überhaupt die festen Brennstoffe, prozentual erheblich zurückgedrängt sein werden. Dennoch werden die absoluten Zahlen des Kohlebedarfs auch dann noch nicht rückläufig sein. Auf Rückwärtskurs wird höchstens die Förderzahl sein, wenn nicht spätestens in diesem Winter weitschauende gesunde Grundlagen für die Erhaltung des deutschen Steinkohlenbergbaues gegeben werden. Bevor diese Grundlagen nicht geschaffen sind, kann auch niemand von den Zechenleitungen erwarten, von sich aus neue Schächte abzuteufen, neue Wohnsiedlungen zu bauen, neue Kraftwerke zu erstellen.

Die Kohle braucht auf dem Preisgebiet eine Elastizität, wie sie dem Stahl vor Jahren gegeben wurde und wie es sich zum Segen für die Konjunktur in Deutschland ausgewirkt hat. Die Kohle braucht auf dem Personalgebiet die Wiederherstellung einer privilegierten Position des Bergmannes, so wie es schon im alten Griechenland, im alten Rom, im Mittelalter und in der Neuzeit immer gewesen ist – und was in Deutschland erst nach den eruptiven Veränderungen zweier verlorener Kriege in Verlust geriet. Der Bergbau braucht weiterhin auf steuerlichem Gebiet eine Entlastung vom Lastenausgleich und eine größere Abschreibungsmöglichkeit, wenn die Arbeitsplätze in der Zukunft gesichert sein sollen.

Dies alles sind Vorleistungen, die dem Verbraucher zugute kommen werden. In diesem Winter wird es wieder einmal dem großen wie dem kleinen Verbraucher klarwerden, was er an der deutschen Kohle hätte, wenn er sie hätte. Er hat sie aber nicht in ausreichendem Maße, weil die Versäumnisse während der Alliierten-Ära (und danach ...) sie aus dem harmonischen Wirtschafts- und Preisgefüge ausgeklammert haben, und nun offenbar niemand den Mut findet, das Falsche zu korrigieren. Niemandem nützt mehr eine Therapie mit Teelöffeldosis. Die Addition der Werte vom Förderausfall, der etwa 10 Mill. Tonnen im Jahr oder 500 bis 600 Mill. DM Produktionswert beträgt, und von der teuren Importkohle mit ihrem Mehrpreis, der etwa 300 Mill. DM ausmacht, ist schon heute an der Milliardengrenze angekommen, Kleine Fische? W.-O. Reichelt