Neben subjektiven Urteilen und bloßen Impressionen enthalten die Berichte der Rußlandreisenden aus der letzten Zeit eine Menge von wertvollem Material, das ein sorgfältiges Studium verdient. Aber auf manche wichtige Frage geben sie nur höchst unbestimmte Antworten. Wieviel sich ein sowjetischer Arbeiter für seinen Lohn leisten kann, das erfährt man nicht. Es werden zwar viele Preise genannt. Aber was bedeutet das, wenn ein Herrenanzug, der nach unseren Begriffen von unterdurchschnittlicher Qualität ist, 1000 Rubel kostet? Eine Umrechnung in andere Währungen ergibt beispielsweise folgendes: Ein solcher Anzug kostet 1050 Westmark oder 550 Ostmark. Die Ostmark soll ja – am gesetzlich festgelegten Dollarkurs gemessen – fast doppelt so viel wert sein wie eine Westmark.

Nun gibt es einen anderen Vergleich, der uns weiter führen könnte: den zwischen Preisen und Durchschnittseinkommen. Über Löhne und Gehälter haben die Rußlandreisenden aber offenbar wenig Verläßliches festgestellt. Der eine sagt, 700 Rubel monatlich seien ein Durchschnittseinkommen, der andere nennt die Summe von 1000 Rubeln. Ein bißchen Rechnen mit offiziellen sowjetischen Angaben zeigt aber, daß beide Zahlen, auch die niedrigere, zu hoch sein müssen.

Eine solche Rechnung geht von der Voraussetzung aus, daß der Begriff "Freiwilligkeit" in der Sowjetunion nicht dasselbe bedeutet wie bei uns im Westen. Wenn also der sowjetische Finanzminister zwar ausdrücklich auf die Freiwilligkeit bei der Zeichnung der diesjährigen Staatsanleihe verweist, aber gleichzeitig mitteilt, es werde erwartet, daß Arbeiter und Angestellte 6,5 v. H. ihres Jahreseinkommens zeichnen, so müssen wir annehmen, daß sich kaum jemand dieser Aufforderung entziehen konnte. Aus der Anleihesumme wäre also mit Leichtigkeit die gesamte Lohn- und Gehaltssumme zu errechnen, wenn ausschließlich Arbeiter und Angestellte die Anleihe aufgebracht hätten. Aber auch die Kolchosbauern sind daran beteiligt gewesen; sie wurden sogar ausdrücklich dazu ermahnt Überlegungen und Rechnungen verschiedener Art führen zu dem Ergebnis, daß auf die ländliche Bevölkerung mindestens ein Drittel der diesjährigen Anleihe entfallen ist. Die Anleihe hat insgesamt etwas mehr als 34 Mrd. Rubel erbracht; davon wären höchstens 20 Mrd. aus Lohn und Gehalt gekommen. Wenn das 6,5 v. H. der Einkommen von Arbeitern und Angestellten sind, so beträgt die gesamte Summe der Löhne und Gehälter mithin rund 300 Mrd. Rubel. Bekannt ist die Zahl der Lohn- und Gehaltsempfänger, nämlich 47 Millionen Ende vorigen Jahres. Als monatliches Durchschnittseinkommen ergibt sich also ein Betrag von 550 Rubeln.

Ein Vergleich dieser Summe mit Einzelpreisen kann keine zutreffende Vorstellung von der Kaufkraft vermitteln, denn einiges ist in der Sowjetunion verhältnismäßig billig, anderes unvorstellbar teuer. Aber eine Umrechnung auf Ostmark und Rubel wird nämlich einigermaßen den wirtschaftlichen Gegebenheiten gerecht. Die Grundsätze der Preispolitik, das gesamte Preissystem, das Verhältnis der einzelnen Preise zueinander sind in der Sowjetzone denen in der Sowjetunion sehr ähnlich, und entsprechend ist der Kurs festgesetzt worden: 0,55 Ostmark für einen Rubel. Das heißt also: 550 Rubel sind ihrer Kaufkraft nach ungefähr so viel wert wie 300 Ostmark.

Nach den sehr sorgfältigen Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin kann man in der Sowjetzone mit 300 Ostmark so gut leben wie in der Bundesrepublik mit 240 Westmark. Ein Durchschnittsarbeiter hat aber in Westdeutschland 1954 rund 355 Mark verdient. Das wäre also das Ergebnis aller Überlegungen und Rechnungen: Der Lebensstandard eines Arbeiters ist in der Bundesrepublik um mindestens die Hälfte höher als in der Sowjetunion.

Aus den Zahlen über Staatsanleihe und Staatshaushalt der UdSSR läßt sich aber noch einiges mehr ableiten. Die Anleihe hat 1955, wie bereits erwähnt, gut 34 Mrd. Rubel erbracht. (Zur Vermittlung von Größenordnungen sei erwähnt, daß die Spareinlagen 1955 um 10 auf 58 Mrd. Rubel steigen sollen.) Die diesjährige Anleihe ist, wie alle vorigen, eine Prämienanleihe. Die Durchschnittsverzinsung, die sich aus der Summe der Prämien errechnen läßt, beträgt (1955) 2 v. H., gegen 3 v. H. in den beiden Vorjahren und 4 v. H. in 1952. Trotzdem muß der Finanzminister für die Verzinsung einen größeren Betrag als im Vorjahre aufwenden, weil nämlich die Anleihesumme nahezu verdoppelt wurde und damit fast wieder den Rekordstand von 1952 erreichte, als 35,7 Mrd. Rubel gezeichnet wurden. Wegen des "Neuen Kurses" hatte der Staat seine Ansprüche auf 15,3 Mrd. Rubel in 1953 und auf 17,5 Mrd. in 1954 ermäßigt.

Die Erhöhung auf 34,3 Mrd. Rubel ist aber noch nicht das Bemerkenswerteste. Vielmehr ist vor allem zu berücksichtigen, daß 1955 weder die Preise gesenkt noch die Löhne erhöht werden sollen. Folgende Rechnung läßt sich danach aufstellen. 1954 erhielt die Bevölkerung unter dem Titel "Schuldendienst" 10,2 Mrd. Rubel; 1955 sind für diesen Zweck 12,2 Mrd. vorgesehen. 2 Mrd. mehr als im Vorjahre erhalten also die Anleihegläubiger aus der Staatskasse. Andererseits aber hat die Bevölkerung 16,8 Mrd. Rubel mehr als im Vorjahre für die Staatsanleihe aufzubringen. Es bleibt somit ein Kaufkraftabzug durch den Finanzminister von netto 14,8 Mrd. Die gleiche Rechnung ergibt für 1954 einen Mehrbetrag der Staatsanleiheerhöhung über die Zunahme des Schuldendienstes von nur 1,8 Mrd. Rubel. Aber sogar die im Vergleich zu 1953 recht bescheidenen Preissenkungen brachten den Verbrauchern 1954 eine Kaufkraftstärkung von schätzungsweise 20 Mrd. Rubel. Das Ergebnis von Preissenkungen und Kaufkraftabschöpfungen durch den Staat war 1954 also eine Kaufkrafterhöhung um 18 Mrd. Rubel. Ähnlich war es in den vorhergehenden Jahren, selbst 1952, im Jahre der höchsten Anleihe.

1955 aber muß sich der Lebensstandard verschlechtern, da Preisherabsetzungen nicht vorgesehen sind. Diese Verschlechterung ist zwar nicht bedrohlich, beträgt aber immerhin 2 bis 2,5 v. H., während noch für das Vorjahr eine Erhöhung des Versorgungsniveaus um ungefähr 3 v. H. und für die vorhergehenden Jahre sogar zum Teil um noch beachtlich mehr errechnet werden konnte. F. Rp.