Paris, im Oktober

Jedes Volk hat seine Fehler. Der für Frankreich charakteristische, erfolgreichste Fehler ist das Auseinanderklaffen von Rhetorik und Wirklichkeit. Es gibt zwei Hauptbeispiele für dieses Vorbeireden an den Realitäten, über die der Franzose in angenehmer Selbstironie sich immer wieder selbst lustig macht: der Streit um König Alkohol und das "französische Algerien". Als wollte man von neuem beweisen, daß man auf plumpe Empirie nichts gibt, sondern immer noch das "Volk des Descartes" ist, wird starr an der Fiktion festgehalten, daß Algerien nichts anderes sei als "drei französische Departements", nichts anderes also als etwa das Departement Seine-et-Oise in Frankreich selbst. Dabei weiß jeder einzelne Franzose genau, daß da recht wesentliche Unterschiede bestellen. Aber als politisches Wesen mag der Franzose noch nicht zugeben, daß die Idee der Assimilation Schiffbruch erlitten hat – die Vorstellung nämlich, daß jeder, der Französisch lernt, zu seinesgleichen wird.

Es steht noch keine Ideologie bereit, welche Verschiedenartigkeit als solche bestehen lassen und doch zu einer Einheit zu binden vermöchte. Erst sie aber wäre imstande, den Grundsatz der "einen und unteilbaren Republik" abzulösen, auf dem bisher der Staat ruht. So begnügt sich denn der Franzose damit, als Privatmensch über jene Zeichnung des Canard enchaîné zu lachen, auf der ein Soldat zwischen Palmen und Moscheen den Brief kritzelt: "Liebe Eltern, ich schreibe euch von irgendwo aus Frankreich..."

Ein Parlament, das keines ist

Die algerische Elite hat wohl wie diejenige Marokkos und Tunesiens im Quartier Latin Französisch gelernt. Doch sie stieß schon auf den ersten Seiten der Lehrbücher auf die Parole von der "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" und begann ihr Verhältnis zu Frankreich an diesen hohen Forderungen zu messen. Sie stellte dabei beispielsweise fest, daß in ihrer Heimat nur die Ortschaften mit überwiegend weißer Bevölkerung eine Gemeinde-Selbstverwaltung nach dem Muster von Seine-et-Oise haben. Und schon das ist bei dem Pariser Zentralismus und dessen Bündelung aller wichtigen Kompetenzen beim jeweiligen Präfekten, dem Statthalter der Hauptstadt in der Provinz, nicht viel. Algerische Orte aber mit überwiegend mohammedanischer Bevölkerung sind sogenannte communes mixtes (gemischte Gemeinden) mit direkter Lenkung von oben, wo den Muselmanen nur eine beratende Delegation zugebilligt ist.

Daß das algerische Lokalparlament aus zwei Kollegien von je 60 Weißen und Mohammedanern besteht, würde der Algerier vielleicht noch schlucken, obwohl es dem arithmetischen Verhältnis der beiden Bevölkerungsteile (eine Million : neun Millionen bei einem jährlichen Geburtenzuwachs von 200 000 auf mohammedanischer Seite) wenig entspricht. Dieses Parlament hat ja von der Kammer in Paris ohnehin nur administrative, nicht legislative Funktionen delegiert bekommen. Aber der Algerier kann sogar in französischen Zeitungen lesen, daß die Wahlen zum zweiten Kollegium von der französischen Verwaltung regelmäßig gefälscht würden und es beispielsweise vorkommen könne, daß für den Kandidaten der Administration mehr Stimmen abgegeben würden, als Stimmberechtigte vorhanden seien. Die radikale Tendenz des algerischen Nationalismus (Messali Hadj) ist überhaupt nicht vertreten, die gemäßigtere (Ferhat Abbas) mit etwa vier Abgeordneten.