o. t.,Esslingen

Die Stadt Esslingen (Neckar) will die neuerbaute Sirnauer Wehrbrücke entgegen früheren Plänen nicht mit einer Plastik Prof. Baums versehen. Dies beschloß (am 12. Oktober) der Gemeinderat. Er beendete damit eine jahrelange Auseinandersetzung, der nach Ansicht des Ludwigsburger Landrats Dr. Ebner ein grundsätzliches Problem zugrunde lag. "Hie Kunstsachverständige, hie Publikum und Behörden". Das Publikum hat gesiegt.

Es begann keineswegs ungewöhnlich. Im März 1953 waren die Stadtväter der Anregung eines Vertreters der Wasser- und Schiffahrtsdirektion Stuttgart gefolgt und hatten beschlossen, die Brücke über das Neckarstauwehr bei Sirnau nach ihrer Fertigstellung mit einem Kunstwerk zu schmücken. Völlig ordnungsgemäß war daraufhin ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, den der Esslinger Bildhauer Prof. Baum gewann. Das Preisrichterkollegium hatte seinem Entwurf den Vorzug gegeben, weil es ihn als "eine symbolische plastische Form" auffaßte, "die einerseits den Grundgedanken eines Querriegels lebendig zum Ausdruck bringt und andererseits ... das Wesen der Schiffahrt, des Wassers und der Technik glücklich darstellt."

Daraufhin – es war inzwischen Januar 1954 geworden – stellte man den Plastikentwurf im Alten Rathaus aus.

Aber die ratlosen Reichsstädter mühten sich ohne Erfolg, herauszufinden, was das Werk "nun wirklich darstellen" sollte. Ihre Augen, die irgendeine gegenständliche Vorlage wiederzufinden versuchten, erwiesen sich als hilflos. Hilflosigkeit war es wohl auch, die sich dann in Empörung Luft machte. Es kam zu einer Reihe von Urteilen, die zwar anfechtbar und vielleicht auch gehässig waren, auf ihre Art aber dennoch die Meinung des "Mannes von der Straße" exakt spiegelten. So erklärte ein Esslinger, gleich seinen Unwillen über jede "Moderne" zusammenfassend: "Es handelt sich hier um ein Stück amerikanischen Krepp, der Art, wie er gern auf den Schuhen der jungen Burschen getragen wird, die es ständig vergessen, ihr Hemd in die Hosen zu stecken." Ein anderer, eher gegen das Alte eingestellter meinte, es könne sich bei der Plastik "höchstens um einen Holzschuh von Anno dazumal" handeln. Eine ganze Lawine ähnlicher Äußerungen wurde durch das "eigentümliche Gebilde" ausgelöst, dem man bescheinigte, einem "verlaufenen Eis" zu gleichen. Zu guter Letzt rief man sogar nach dem Altertums- und Denkmalsschutzverein, da "dieses Denkmal" das "Ansehen der alten Reichsstadt und des Neckartals" verunziere.

Das Stadtoberhaupt schlug sich auf die Seite Professor Baums und trat in einer Gemeinderatssitzung entschieden für dessen Entwurf ein. Unter dem Motto "Das Kunstwerk hat zuerst der Kunst zu dienen", versuchte es, den versammelten Räten – Handwerksmeistern und sonstigen Realisten – klarzumachen, daß die Brückenplastik sich niemals am Geschmack der "Masse" orientieren könne. Die Stadtväter wußten allerdings wenig mit derartigen L’art pour l‘art-Gedanken anzufangen. Während der SPD-Vertreter Rettich noch vorsichtig mit den Worten "Kunst ist Geschmackssache" operierte, kam es bald zu heftigeren Reaktionen, die schließlich alle darauf hinausliefen, der Entwurf Professor Baums finde bei der Öffentlichkeit kein Verständnis. "Welcher Durchschnittsbürger", so wurde zum Beispiel gefragt, "will bei einer Plastik, die als Krönung einer Brücke gedacht ist, Überlegungen anstellen?" Lediglich Vorsicht verhinderte eine sofortige Ablehnung durch das Stadtparlament. Die Bestimmungen des Wettbewerbs sahen keinen Geldpreis für die ausgezeichnete Arbeit vor. Im Falle einer Verwerfung war die Rechtslage unklar. Der Gemeinderat vertagte deshalb seine Entscheidung. Rettender Anlaß hierfür war der Vorschlag, an Stelle des kleinen Entwurfs eine Gipsattrappe in natürlicher Größe herstellen zu lassen. Die Stadträte stimmten erleichtert zu.

Einen Monat später zahlten die Stadtväter dem Oberbürgermeister bei der Besetzung des "beratenden Gremiums für Kunstfragen" sein Eintreten für moderne Kunstwerke heim. Statt, wie es vorgeschlagen worden war, drei Sachverständige, das Stadtoberhaupt und zwei Gemeinderäte in dieses Konsortium zu schicken, beschlossen sie, den drei Experten und dem Oberbürgermeister vier Vertreter aus eigenen Reihen zuzugesellen. Denn, so wurde erklärt, nach dem Vorgefallenen könne man nicht mehr sicher sein, daß OB Dr. Roser in Fragen der Kunst die Meinung der Bürger vertrete.