Das Peinlichste, was einem im letzten Krieg zustoßen konnte, war eine Beschießung aus Oerlikon Kanonen. So berichtet ein deutscher General. Er machte die Erfahrung in Italien, wo die Amerikaner die 20 mm Bordkamone auf Infanterie Lafetten stellten. Sie hatten daon die ungeheure Zahl von 300 000 Stück erzeugt — auf Grund der Zeichnungen, die die Werkzeugmaschinenfabrik als die Einschließung der Schweiz schon fast vollzogen war. Die Briten selbst stellten 35 000 Stück her, und das rettete ihre Kriegsflotte und viele Handelsschiffe vor den Sturzkampffliegern. Auch die Deutschen bezogen dann Oerlikon Kanonen, etwa 5000, zui Ergänzung ihrer eigenen Geschütze gleichen Kalibers.

Verglichen mit dem, was Oerlikon seit dem Ende des Krieges aus dieser Kanone gemacht hat, war sie damals fast ein träges Wesen. Als FlJlk feuerte sie 450, als Bordwaffe 600 Schuß in der Minute. Nun sind es 1000 und 1800. Die Anfangsgeschwindigkeit der Granate war damals 830 msek, nun ist sie 1100. Dank neuer Formung uma 1 verbesserten Sprengstoffen durchschlägt sie auf eine Entfernung Dicke.

Sj ,| f ann hinter der Kanone, der nach Potsdam chers fcfavfU erkannte, daß eine solche Beutemacherei ,,, eues Wettrüsten bringen könne, ist der istne Emil Georg Bührle, von Geburt dem NWn r Alemanne, dessen Vorfahren in der m: n Offenburg bescheidene Bauern, Bäuerle, führun, > en. Weil er unbequem und halsstarrig eröffnet", nennen ihn die Schweizer, selbst Alend Ende trotz seiner bald zwanzig Jahre zurückärbiger n Einbürgerung gern einen Preußen. Er hat nchemdagegen, sagt er, solang man darunter DO ansjfjjjg j Strenge gegen sich selbst versteht.

Wenn ein Zugereister in kurzer Zeit der weitus größte Privatunternehmer eines blühenden Industrielandes wird, ist die Frage nach seinem Geheimnis wohl am Platz. Er, den der Ausbruch des ersten Weltkriegs auseinem liebevollen Studium der Literatur und Kunstgeschichte riß, bekennt, daß es die Führung einer Maschinengewehrabteilung in Frankreich war, die "der dünnen Haut des Äestheten die notwendige Gerbung" verlieh. Wer mit ihm umgeht, hat von jener Vorvergangenheit den Vorteil, einen Industriellen zu kennen, der zur Muttersprache ein intimes Verhältnis hat, der gelernt hat, daß starke Worte schwach sind, und der sogar, im Gegensatz zu den meisten deutschen Journalisten, vom Unterschied zwischen Perfektum und Imperfektum weiß. Er selbst betrachtet sein Schwärmen vor jenem Kriege nicht als eine verlorene Zeit. Der wirkliche Unternehmer sei mit dem Künstler verwandt. Wie dieser bedürfe er der chöpferischen Intuition.

Den Künstlern ist er auch treu geblieben. Er hat eine berühmte Sammlung von alten Holländern und Flamen, in der alle größeren Meister vertreten sind, dazu von Venezianern des 18. Jahrhunderts. Die hauptstarke seiner Gemäldegalerie sind die französischen Impressionisten. Im Fall eines Brandes würde "r einen Hals, einen Renoir und einen Cezanne packen (Auf eine Insel verbannt, würde er nebst Goethe Eichendorff, Hölderlin, Lenau und Mörike mitnehmer ) Boshafte Zungen meinen, die wenigen Händler, die für solche Stücke in Betracht kommen, hätten um ihr einen Schröpfring gebildet. Er aber ist überzeugt, daß Bilder eine ausgezeichnete Kapitalanlage sind.

Wer beobachtet hat, wie er vor dem Weggehen noch schnell in ein Zimmer zurückläuft, um einen letzten Andachtsblick auf einen K pmbrandt oder Tiepolo zu werfen, weiß, daß die Investition dabei nicht die Hauptsache ist. Wie Heinrich Heines Mutter schätzt er das Geld, aber er liebt es nicht. Er hatte kein Verständnis für seine Tochter — ein erfrischendes, langbeiniges Geschöpf, auf dem nicht nur des Vaters Augen gern ruhen — als sie im Alter, da man an Shaw glaubt, auf die Anwartschaften der Millionenerbin verzichten und mit einer kleinen Abfertigung von einer Million Dollar einen selbständigen Lebensweg suchen wollte. Der Jünglingstraum des Badeners, einmal ein Haus am Bodensee zu be<dt?en, hat sich nicht erfüllt, denn er hat nun eines über dem Zürcher See und eines am Lago Maggiore: far dieses Haus kann er allerdings nur zehn Tage im Jahr aufbringen. Aber von der Managerkrankheit ist er kaum bedroht, denn die Zeit, sagt er, ist derBundesgenosse aller, die die Dinge reifen lassen. Er steuert auch seinen dimkelgrauen Cadillac, Jahrgang 1952, immer selbst "Ein Chauffeur macht alt Daß sein einziger Sohn, schweizerischer Generalstabshauptmann und einer der Direktoren von Oerlikon, einen zweifarbigen Wagen mit viel Chrom fährt, sieht er mit Resignation: "Ein Nachtlokal auf Rädern " Ich habe, erzählte er einmal, einige Jahre daran gearbeitet, meine Eitelkeit loszuwerden. Tatsächlich begeisterte er sich für ein Porträt, durch das Oskar Kokoschka ihn so darstellte, wie die Sowjets ihn malen würden, wenn sie wüßten, wie gern er sie hat. Zum Glück griff eine liebende und kluge Frau ein: "Dieses Bild kommt mir nicht ins Haus " Nach dem ersten Krieg blieb Bührle noch ein Jahr bei der Reichswehr als Adjutant eines Kavallerieregiments. Im Jahre 1924 schickte ihn die Magdeburger Werkzeugmaschinenfabrik in die Schweiz, damit er das Oerlikon Werk besichtige, das sie erworben hatte. Er fand es mit einem großen Lager schwerverkäuflicher Maschinen, mit nur 80 Arbeitern bei 60 Angestellten. Er empfahl die Angliederung einer Waffensektion, die mit der Erwerbung der Patente der 20 mm Becker Kanone begann. Aus ihr wurde die Oerlikon Kanone entwickelt, und deren erste Großkäufer waren China und Japan. 1937 kam die britische Admiralität, bald darauf Frankreich. Im Jahre 1927 hatte Bührle 15 v. H des Aktienkapitals erworben, die er bald auf 52 v. H. erhöhte. 1937 trat ihm der deutsche Großaktionär den Rest ab. Bührle verzichtete auf die Rechtsform der Aktiengesellschaft und gründete mit unbeschränkter persönlicher Haftung die jetzige Kommanditgesellschaft. Die alte AG wurde Holdinggesellschaft vor allem für Contraves, die sich besonders mit elektronischen Geräten militärischer Natur befaßt und von den Sowjets sehnsüchtig umschwärmt wird, für die Pj<?2#s Flugzeugwerke, einige Spinnereien und Webereien, Hotels, landund forstwirtschaftliche Betriebe, die Industrieund Handelsbank in Zürich, eine Waffenfabrik in North Carolina, Werkzeugmaschinenfabriken in Italien, Indien und so weiter. Ein ansehnliches Wirtschaftsimperium in der Hand eines Mannes, der zugibt, er sei vom Juror industrialis besessen. Da Bührle in den letzten Kriegsjahren erkannte, daß die schweren Fliegerabwehrgeschütze überholt seien, wandte er sich schon 1944 neben der Verbesserung seiner leichten Kanone der Entwicklung von Pulverraketen und ferngelenkten Raketen zu. Als einzige Privatfirma der Welt tat er das mit eigenen Mitteln. In sicherer Erwartung des amerikanisch deutschen Militärbündnisses riskierte er schon vor mehreren Jahren starke Minderheitsbeteiligungen an der Dynamit A G vorm. Alfred Nobelund an der WASAG Chemie A G. "Es scheint mir immer paradox", sagt Bührle, "dß man den Soldaten ehrt, aber den Waffenerzeuger herabsetzt Nach der Sanierung des illiquid übernommenen Oerlikon Werkes habe er sich gelobt, nie twas zu unternehmen, was er nicht mit eigenen Mittels bewältigen könne. Die Leitsterne des selbständigen Unternehmers seien Phantasie, Fleiß, Maß, Selbstbeherrschung, Ausdauer und — Sparsamkeit: "Seine Dienstauffassung hat viel mit der militärischen gemein Kein Wunder, daß ihn die Schweizer, der ihnen so ähnelt, einen Preußen nennen. Robert Ingnm