Von Waldemar Ringleb

Kursschwankungen gehören zum Wesen der Aktie. Man darf sich deshalb nicht wundern, daß nach den extremen Kursgewinnen der letzten Jahre das Pendel auch einmal nach der anderen Seite ausschlägt und daß dabei ein überstarkes Angebot an Wertpapieren, so wie es in der vergangenen Woche in Erscheinung trat, zu Kurseinbrüchen führt. Sie waren, wie die zum Schluß gebrachte Tabelle erkennen läßt, allerdings nicht so groß, als daß damit die seit Monaten bestehende Überhöhung des Aktienkursniveaus korrigiert worden wäre. Eine Anpassung der effektiven Rendite an den Kapitalzins des Rentenmarktes wurde jedenfalls noch nicht erreicht. Solange das nicht der Fall ist, besteht für eine pessimistische Betrachtung kein Anlaß.

Die Aktien werden nach wie vor von der Börse recht günstig beurteilt. Man darf dies als Zeichen dafür werten, daß das Anlage suchende Publikum die Chancen, die eine Beteiligung an einer deutschen Kapitalgesellschaft bietet, für sehr günstig hält und niemand so recht an eine Depression glaubt. Daß dem so ist, wird noch deutlicher, wenn man den Ursachen nachgeht, die den Kurseinbruch ausgelöst haben. Es zeigt sich nämlich, daß das große Angebot gar nicht aus Deutschland, sondern aus dem Ausland (vor allem aus den USA) kam. Die Weltbörsen sind heute, nachdem die Devisenschranken weitgehend abgebaut sind, wieder so eng untereinander verbunden, daß Kursbewegungen, die von den großen Plätzen ausgehen, unmittelbar bis Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg durchschlagen. Die Weltbörsen aber stehen seit Wochen unter Druck, weil die Maßnahmen zur Bekämpfung der Inflation überall in der Welt einen restriktiven Kurs ausgelöst haben. Damit aber wird das Aktienkursniveau von zwei Seiten her angegriffen. Einmal wird mit jeder Maßnahme, die der Stabilität der Währung dient, die Flucht in Sachwerte uninteressanter. Der Gedanke der Substanzsicherung tritt gegenüber dem Rentabilitätsstreben zurück. Der wichtigste Grund für die Überbewertung der Aktie entfällt damit. Zum anderen werden von einer restriktiven Kreditpolitik Effektenkredite, die in den USA eine große Rolle spielen, zuerst getroffen. Das zwingt zu Wertpapierverkaufen, was wiederum die Kurse drückt.

Die Folge ist eine weitere Zurücksetzung der Kreditlinie, womit das Spiel von neuem beginnt. In diesem Prozeß sind sicherlich Bremsen eingebaut, die verhindern sollen, daß es nochmals (wie in den dreißiger Jahren) zu einem Zusammenbruch des gesamten Kursgebäudes kommt. Immerhin: es geht von hier ein Druck aus, der sich bis auf die deutschen Börsen fortsetzt, obwohl bei uns Effektenkredite keine wesentliche Rolle spielen. Auch der Amerikaner bezahlt in Deutschland seine Wertpapierkäufe bar. Die Kredite hierfür beschafft er sich aber bei seinen heimischen Banken. Das kommt im Effekt auf das gleiche hinaus. Da nun die Umsätze an den deutschen Börsen – an US-Maßstäben gemessen – sehr klein sind, genügt ein relativ geringes Angebot an Aktien, um einen Kurseinbruch hervorzurufen. Dies gilt vor allem dann, wenn im gleichen Augenblick keine entsprechende Nachfrage in Erscheinung tritt. In den letzten Wochen war das Gegenteil der Fall. Die ängstlich gewordene deutsche Spekulation wirkte den US-Einflüssen nicht entgegen, sie ging vielmehr mit. Es gehört nun einmal zum Wesen der meisten Spekulanten, sich mehr auf fremde Meinungen und Urteile als auf eigene Überlegungen und Berechnungen zu verlassen.

Die deutschen Banken haben im großen und ganzen zu dieser Börsenentwicklung nicht beigetragen. Weder haben sie – von einigen nicht weiter zu Buche schlagenden Ausnahmen abgesehen – Geldbeschaffungsverkäufe getätigt, noch haben sie in größerem Umfange Stützungskäufe durchgeführt. Allzu leicht und ohne zwingende Gründe trennen sich die Banken heute nicht von ihrem Aktienbesitz. Er ist meist zu recht niedrigen Kursen in ihren Bilanzen eingesetzt. Die Wertpapierbestände der Banken enthalten daher fast durchweg bedeutende stille Reserven, an deren Auflösung zur Zeit bei der im allgemeinen recht günstigen Ertragslage schon aus steuerlichen Gründen kein Interesse besteht. Auch bilanzoptische Gründe spielen eine Rolle. Vielen Instituten erscheint es jetzt kurz vor dem Jahresbilanzstichtag nicht für richtig, größere Änderungen im Wertpapierbesitz in Erscheinung treten zu lassen. Andererseits aber können die Banken auch kaum ein Interesse daran haben, bei der augenblicklichen Situation Aktien hereinzunehmen. Die Effektivrendite ist gering; mit großen Kursgewinnen kann nicht mehr gerechnet werden. Warum sollen die Banken kaufen, zumal ihre Effektenbestände schon sowieso beachtlich groß sind?

Solche Überlegungen besagen nun nicht, daß sich die Banken völlig untätig den Vorgängen gegenüber verhalten. Das Gegenteil ist der Fall. Als die Kurse ein Niveau erreichten, das für das anlagesuchende Publikum wieder einen Anreiz bot, haben die Banken nach dieser Richtung ihre Kundschaft beraten. Das hatte zur Folge, daß schon wenige dem Markt erscheinende Aktienbestände zu überhöhten Kursen, die keine genügende Effektivverzinsung mehr zulassen, zu übernehmen. Man darf nicht außer acht lassen, daß sich diese Vorgänge auf einem Niveau abspielen, das, wie der nachstehend wiedergegebene Aktienindex erkennen läßt, immer noch recht hoch ist.

Mit dem Abschluß der Wiederaufbauperiode in Westdeutschland ist auch die Zeit vorüber, in der die Kurse der Aktien nur steigen konnten. In Zukunft werden auf die Börsen wieder deren eigentliche Bestimmungsgründe, die jahrelang durch die allgemeine Expansion verschleiert waren, in Erscheinung treten. Das ist sicherlich kein Übel, sondern nur ein Zeichen dafür, daß sich auch hier die Verhältnisse wieder normalisieren.