Von Christian E. Lewalter

Haben die Griechen an die olympischen Götter "geglaubt"? Die Frage klingt harmlos, ist aber gar nicht so leicht zu beantworten. Denn außer den Olympiern, die, wie Herodot sagt, "den Griechen von Homer und Hesiod geschenkt worden sind", kannte die hellenische Religion auch nach Homer noch alle jene vorhomerischen Gottheiten, die an ihre Erde, an Wald, Fluß, Hain und Hügel gebunden waren und die die Forscher als "chthonische" (also als "irdische") Gottheiten bezeichnen. Ob das Gesetz der Erde gelten solle oder das des Himmels, das des Blutes oder das des Geistes – darum geht der Streit in den "Eumeniden" des Aischylos, und er wird nur mit einer einzigen Stimme zugunsten des "höheren" Gesetzes entschieden, und auch das ja nicht für ganz Griechenland, sondern allein für Athen.

Trotzdem – in die Nachwelt konnten nur die Olympier wirken, nicht die an einzelnen Orten verehrten "niederen" Gottheiten. Homer und Hesiod haben also auch den Erben der Hellenen, der abendländischen Kultur überhaupt, "ihre Götter geschenkt". Ein geistiges Leben ohne die Olympier können wir uns gar nicht vorstellen, und schon deshalb rechtfertigt sich das Unternehmen, das Schicksal unserer Kultur einmal als Schicksal der Olympier nachzuzeichnen und diese in ihrer Gesamtheit als tragische Helden darzustellen:

Morus (Richard Lewinsohn) "Der ewige Zeus. Geist und Glaube der Griechen in der Geschichte." Rowohlt Verlag, Hamburg, 496 S., 31 Tafeln, Leinen 28,50 DM.

Niemand wird von Morus, diesem geistreichen und kultivierten Schriftsteller, ein Werk der Wissenschaft erwarten. Ihn interessiert nicht, was die Forschung an Erkenntnissen von der hellenischen Welt gewonnen hat. Wer darüber belehrt sein möchte, muß zu anderen Büchern greifen (etwa zu Bruno Snells "Entdeckung des Geistes", Wolfgang Schadewaldts "Homers Welt und Werk" oder Karl Kerenyis "Antiker Religion"). In Morus lernt er eine ganz andere Figur des Humanismus kennen: einen enthusiastischen Anwalt der Olympier, der mit Beredsamkeit, Scharfsinn und einer keineswegs ungriechischen Spottlust für die Sache des Zeus und der Seinigen vor dem Forum der Weltgeschichte gegen alles plädiert, was die homerischen Götter entthront hat. Anwälte haben die Pflicht, einseitig zu sein und dürfen ihre subjektive Leidenshaft ins Feld führen. Wichtig ist nur, daß der Leser den Verteidiger nicht als unparteiischen Gutachter ansieht.

Mit einem reizvollen Kunstgriff macht Morus seine Idee der Ewigkeit der Olympischen zu einem Formprinzip seiner Darstellung: an den entscheidenden Zäsuren der abendländischen Geschichte läßt er nach dem Vorbild Homers die Olympischen zu Ratssitzungen zusammentreten – wobei sich dann ganz von selbst eine Umwertung der traditionellen Wertungen ergibt, weil ja diejenigen, die faktisch über Zeus gesiegt haben, nach Auffassung des Verteidigers im Unrecht waren.

Das gilt bereits von Sokrates, der, wie wir von Morus hören, "im Grunde ein braver Klehbürger war, ein Nörgler, aber kein Revolutionär, ein Schulmeister, aber kein Rebell". Gegen ihn spricht, daß Alkibiades sein Schüler war, der Mann, der Athen in die sizilinanische Katastrophe fülrte und dadurch die Hauptschuld am Untergang der Freiheit trug. "Sokrates hat meine Stadt vercorben", sagt Athene, die seinen Tod verlangt; "er lehrt den Glauben an die eigene Kraft der Entscheidung". Vergeblich wendet Apollo ein, das sokratische Daimonion rate ja gerade zur Treue gegenüber den Göttern. Er bekommt von Athene die Antwort: "Wenn wir uns darauf verließen, daß jeder für sich den rechten Glauben fände, wären bald alle Menschen dem Unglauben verfallen." Und der weise Zeus verfügt, daß Sokrates selbst das Urteil über sich sprechen soll. "Da wählte Sokrates den Tod."