Von Marion Gräfin Dönhoff

Es gibt Orte, deren Namen sich durch die Jahrhunderte bis hinein in unsere rationale Zeit einen geheimnisvollen Klang bewahrt haben. Peking, Konstantinopel, Kiew, Krakau sind Städte, bei deren Erwähnung einem auch heute noch zumute ist, als höre man einen tiefen Glockenton durch die Weltgeschichte schwingen. Genf gehört nicht dazu. Genf ist ganz Gegenwart. Die Erwähnung dieser Stadt beschwört nicht/ihre Geschichte: die burgundischen Könige, Calvin, Roussau..., sondern unsere künstliche, unglaubwürdige Welt von bürokratischen Mammut-Organisationen, Tourismus und Konferenzen.

Wieder stehen wir bangen Herzens am Vorabend einer Konferenz von Genf. Bangen Herzens, denn die letzten beiden derartigen Veranstaltungen, die asiatische Konferenz im vorigen Jahr und das Treffen "auf höchster Ebene" im Juli dieses Jahres haben jedesmal einen Umsturz alles Bestehenden gebracht. Erst wenn man sich diese Ereignisse im Licht der heutigen Situation noch einmal vor Augen ruft, wird ganz deutlich, wo wir augenblicklich stehen.

Im Juli 1954 brachte die Genfer Konferenz, bei der die Chinesen zum erstenmal mit europäischen und amerikanischen Diplomaten zusammentrafen, die Legalisierung eines neuen kommunistischen Vorstoßes: die Anerkennung des Regimes Ho Tschi Minh als selbständigen Staat. Der Schock, den dieser kommunistische Erfolg im kalten Krieg damals auslöste, rief in Asien und in Osteuropa, zum erstenmal auch in neutralen Ländern, Bereitschaft zum Handeln hervor. Die Colombo-Staaten (Indien, Pakistan, Ceylon, Burma und Indonesien) wurden aktiv. Pakistan hatte schon im April ein Verteidigungsbündnis mit der Türkei und im Mai einen Vertrag auf gegenseitige Hilfeleistung mit den USA abgeschlossen. Nach vielen Mühen und zahlreichen Reisen gelang es nun, dem amerikanischen Außenminister eine Reihe asiatischer Länder – Philippinen, Thailand, Australien, Neuseeland und Pakistan – mit den westlichen Großmächten im SEATO-Vertrag (8. 9. 1954) zu einem Verteidigungsbündnis zusammenzuschmieden. Kurz zuvor waren Jugoslawien, Griechenland und die Türkei übereingekommen, mit dem Dalkanpakt (9. 8. 1954) eine Art Vorposten der NATO im östlichen Mittelmeerraum zu begründen. Die Etablierung all dieser Bündnissysteme, als deren letztes der Vertrag zwischen der Türkei und dem Irak (24.1.1955) zum erstenmal einen Einbruch auch in die Reihe der arabischen Staaten vollzog, war abgeschlossen, als die Genfer Konferenz auf höchster Ebene im Juli 1955 begann. Drei Monate sind vergangen seit jener Juli-Konferenz, bei der die Sowjets plötzlich das Ruder herumwarfen und das Glück friedlichen Zusammenlebens mit allen Völkern – auch den kapitalistischen – entdeckten: den "Geist von Genf". Ein Skeptiker erinnerte damals an die Begründung Lenins, warum Zusammenarbeit mit nichtkommunistischen Kräften gelegentlich notwendig sei. Solche Bündnisse, so meinte Lenin, seien dazu da, den Verbündeten zu stützen, "wie der Strick den Gehängten". In diesen drei Monaten Sind nun die Fundamente jener zwischen den beiden Genfer Konferenzen errichteten komplizierten Verteidigungskonstruktion so schwer angeschlagen worden, daß wir heute vor einem Wald von geborstenen Säulen stehen. Alles, was der kalte Krieg zusammenfügte, schmilzt an der Sonne der Koexistenz und bricht wie mürbes Eis auseinander.

Der als Präludium für die Genfer Konferenz nach zehnjähriger Wartezeit aus heiterem Himmel abgeschlossene österreichische Staatsvertrag hatte bereits einen langen neutralen Sperriegel zwischen die amerikanischen NATO-Truppen in Bayern und Oberitalien geschoben und damit die westeuropäische Situation entscheidend verändert. Der Balkanpakt, durch den leutseligen Besuch Chruschtschows und Bulganins in Belgrad bereits leicht angebohrt, hat kürzlich durch die wilden anti-griechischen Exzesse in der Türkei und durch die Zypernfrage seinen Todesstoß erhalten. Griechenland hat sich geweigert, an den NATO-Manövern teilzunehmen, weil es keinem Griechen zugemutet werden könne, unter türkischem Kommando zu stehen. Die Rückgabe von Porkalla an Finnland schließlich hat – obgleich alle wissen, daß dies kein Opfer, sondern nur eine Geste war – die Länder des Nordens offensichtlich weich gestimmt.

Inzwischen hat der Aufstand in Nordafrika und die eigenartige Methode, mit der Frankreich versucht, den Arabern und Berbern ihr Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit auszutreiben, die Feindseligkeit der arabischen Länder gegen den Westen ungemein vergrößert. Der Abzug von zwei französischen Divisionen aus Westeuropa und ihre Verlegung nach Nordafrika schwächt, wie General Gruenther klagt, die NATO. (Man könnte allerdings auch meinen, diese Befürchtung sei übertrieben, wenn man bedenkt, daß bei der letzten Truppenverladung jeweils ein Omnibus Soldaten von zwei Omnibussen Gendarmerie zum Flugplatz begleitet werden mußte!)

In Südostasien hat der Ausgang der Wahl in Indonesien enthüllt, daß dort der Einfluß der Kommunistischen Partei wesentlich größer ist, als man erwartet hatte. Den letzten großen Schock endlich brachte die Erklärung Ägyptens, es werde schwere Waffen in der Tschechoslowakei kaufen. Auch der Anschluß Persiens an das Türkisch-Irakische Bündnis vermag über diesen Schreck nicht hinwegzuhelfen. Die Befürchtung liegt überdies nahe, daß noch weitere arabische Staaten versuchen werden, Waffen aus den kommunistischen Ländern zu beziehen, denn ihrer aller Denken und Planen kreist seit Jahren nur um einen Punkt: um Israel – bald sorgenvoll einen Angriff befürchtend, bald blutdürstig selber den Angriff planend. Man darf sich nichts vormachen: Seit Jahren hat man in diesem Teil der Welt nicht mehr so hart vor einem Wiederaufleben des Krieges (diesmal zwischen Waffen östlicher und westlicher Herkunft) gestanden wie eben jetzt.