Washington, im Oktober

Fragen stellen und Fragen beantworten, nicht Vorurteile (die man bei uns gern weltanschaulich frisiert) in langen Monologen verteidigen, das ist – wie einem schon nach kurzem Aufenthalt in diesem Lande auffällt – die hier beliebte Fasson des Diskutierens. Dieses Recht auf die Frage und ihre Beantwortung macht der Amerikaner vor allen den Behörden, dem Parlament, den Vertretern öffentlicher Institutionen gegenüber geltend. Sie haben ihm Auskunft zu geben, wenn er sie verlangt. Er ballt nicht die Faust heimlich in der Tasche, er sagt offen, was ihm nicht paßt. Er schreibt seinem Senator, wenn er an ihm oder seiner Partei etwas auszusetzen hat. Er geht mit seinen Fragen ins Ministerium. Dort füllt er aber nicht an der Eingangstür einen Zettel aus, wie man das in Bonn aus dem Dritten Reich übernommen hat: wen er zu sprechen wünsche, welches Anliegen er habe, wo er wohne und wie er heiße. Er respektiert den Staat, aber nicht dessen Diener als seine vermeintlichen Herren. Er will wissen, was mit seinem Steuergeld geschieht. Er will sich, soweit es geht, persönlich davon überzeugen können.

Man zeigte mir die Studios der "Stimme Amerikas". Der Beamte, der mich führte, meinte: "Die Ansichten über diese Einrichtung sind bei uns sehr geteilt. Manche spötteln sogar über das ‚Goebbels-Ministerium‘. Viele sind dafür, daß die ‚Stimme Amerikas" Nachrichten, aber nicht Kommentare senden sollte. Was ist Ihre Meinung?" Er fügte nicht etwa hinzu: "Aber bitte erwähnen Sie nicht, daß ich das gasagt habe! Sie wissen: meine Stellung."

Man bemüht sich überdies seit längerer Zeit recht geschickt auch auf deutscher Seite hier um die Knüpfung solcher Gesprächsfäden. In der deutschen Botschaft werden in ziemlich regelmäßigen Abständen Diskussionsabende mit anschließender Vorführung entsprechender deutscher Filme veranstaltet. Ich wohnte einer solchen Veranstaltung bei: Es waren etwa hundert "Alumni" von der Universität Chikago eingeladen. Sei uns in Deutschland würde man vielleicht sagen: Alte Herren, die einst an der Universität Chikago studierten, und die jetzt in New York leben, wo sie einen Verein gebildet haben. Es wurde sehr freimütig gefragt und geantwortet. Die Vertreter der deutschen Botschaft machten offensichtlich einen guten Eindruck. Sie haben inzwischen gelernt, in ihren Antworten die hier erwünschte Offenheit walten zu lassen.

Die Fragen, die bei solchen Gelegenheiten gestellt werden, werden auch in Privatgesprächen immer wieder an den Fremden gerichtet. Wie sich denn die Deutschen die Wiedervereinigung ihres Landes vorstellten? Ob die Jugend in Deutschland noch in nazistischen Vorstellungen befangen sei? Ein amerikanischer Verleger sagte mir: "Ich war kürzlich in England mit jungen Deutschen zusammen. Ich fragte sie, was man ihnen in der Schule über Hitler sage. Sie antworteten, Hitler habe große Fehler gemacht. Er habe den Krieg mit Rußland begonnen, er habe die Juden verfolgt. Ich hatte den Eindruck", bemerkte mein Gesprächspartner besorgt, "daß man diesen jungen Leuten die Bösartigkeit und die Verworfenheit dieses Mannes nicht deutlich genug gemacht hat." Immer wieder stößt man auf die Sorge, ob der Hitlerismus in Deutschland auch wirklich geistig überwunden sei.

In New York traf ich einen alten Schulfreund. Er ist im Jahre 1939 emigriert und lebt seit mehreren Jahren als amerikanischer Staatsbürger in New York. Er ist Jude. Von seinen Angehörigen und Freunden fielen mehrere den Verbrechen Hitlers zum Opfer. Er sprach darüber nicht. Manches von dem, was uns einst verbunden hatte, flackerte in dieser Stunde wieder auf. Eine solche Begegnung kann einem Deutschen, gerade, wenn der andere keine Anklage erhebt, ein Gefühl der Beschämung ersparen. Wir sprachen, nachdem wir das Thema lange gemieden hatten, von den Juden in Amerika und darüber, was sie zu der Deutschlandpolitik der Vereinigten Staaten sagten. "Deutschland ist ein wichtiger Posten in der amerikanischen Außenpolitik geworden. Ihr habt hier mehr Chancen, als viele von euch glauben", bemerkte mein ehemaliger Jugendfreund. "Die europäische Konzeption unserer Regierung ist ohne Deutschland nicht denkbar. Darauf müssen wir Juden Rücksicht nehmen. Glaube mir: die Juden halten sich hier sehr zurück. Es fällt ihnen nicht leicht, aber sie sehen ein, daß sie die amerikanische Politik nicht stören dürfen. Die meisten verstehen auch, daß Amerika gegenüber den Arabern vorsichtig operieren muß. Ölquellen sind ein starkes Argument in der Politik."

"Ihr habt hier mehr Chancen, als viele von euch glauben." Ähnliche Äußerungen habe ich später mehrmals zu hören bekommen. Man kann unmöglich allen Einladungen folgen, die man erhält. Wird man als Deutscher erkannt, dann begegnet einem fast immer eine wohltuende Aufnahmebereitschaft.

Robert Strobel