Nicht verlorene Zuschüsse, sondern Aufträge für die Westberliner Industrie sind die wirksamste Hilfe für die Inselstadt. Unter diesem Gesichtspunkt hatte Bundespostminister Balke schon im Mai ein Investitions- und Beschaffungsprogramm der Bundespost angekündigt, durch das 1955 und 1956 Aufträge in Höhe von je etwa 115 Mill. DM nach Berlin vergeben werden sollten. Dieser Tage haben nun die Beschaffungsdezernenten einiger zentraler Dienststellen der Bundespost und mehrerer Oberpostdirektionen auf Anregung der Berliner Absatzorganisation (BAO) und auf Einladung des Bundesbevollmächtigten Dr. Heinrich Vockel über noch offenstehende Einzelheiten dieses Programms verhandelt und durch eine Reihe von Betriebsbesichtigungen Gelegenheit gehabt, sich von der Leistungsfähigkeit der Berliner Wirtschaft zu überzeugen. Dabei ist das bisherige Programm noch erweitert worden und beläuft sich jetzt allein für dieses Jahr auf rund 140 Mill. DM. Damit erhöht sich der Wert aller von der Bundespost seit der Währungsreform nach Berlin vergebenen Aufträge auf etwa 525 Mill. DM – ein erfreuliches Zeichen für das Verständnis, das diese oberste Bundesbehörde der Berliner Wirtschaft entgegenbringt.

Bei diesen Aufträgen ist zu unterscheiden zwischen Investitionen im Bereich der Landespostdirektion Berlin, für die im laufenden Jahr 136 Mill. DM veranschlagt sind, und Beschaffungen für Postdienststellen im Bundesgebiet. Der hohe Anteil der Elektroindustrie an der gesamten Berliner Industriekapazität begünstigt diese Vorhaben naturgemäß, so daß rund 80 v. H. der nach Berlin vergebenen Lieferungen und Leistungen darauf entfallen. 11 v. H. der bisherigen Aufträge kamen dem Druckerei- und graphischen Gewerbe zugute, und weitere 5,5 v. H. entfielen auf Metallwaren-, Maschinen- und Büromaschinenindustrie. Auf allen diesen Gebieten besteht bei der Bundespost infolge des Zwanges zur Rationalisierung in den nächsten Jahren ein steigender Investitionsbedarf, der nicht nur von den großen Berliner Unternehmungen, sondern gerade von den noch immer nicht voll am Konjunkturaufschwung beteiligten Mittel- und Kleinbetrieben befriedigt werden kann. Aber auch noch unausgenutzte Kapazitäten in anderen Industriezweigen will die Bundespost für sich nutzbar machen. So ist vorgesehen, mehr als die Hälfte des gesamten Bedarfes an Lederwaren in Berlin zu decken, und auch die Bekleidungsindustrie soll durch die Lieferung konfektionierter Artikel wie Umhänge u. ä. in das Beschaffungsprogramm angeschaltet werden.

Für Berlin selbst trifft die Bundespost schon jetzt Vorbereitungen für den Zeitpunkt, an dem die Stadt wieder ihre Hauptstadtfunktionen übernehmen wird. Abgesehen vom Neubau und der Modernisierung von Postämtern wird in absehbarer Zeit mit dem Neubau eines Postscheck- und eines Postzeitungsamtes begonnen werden. Ferner ist die Bundespost bereits jetzt dabei, die Anlagen für den Fern- und Funksprechverkehr zwischen Berlin und dem Bundesgebiet über den derzeitigen Bedarf hinaus großzügig auszubauen. Kaum ein anderes deutsches Fernamt dürfte selbst bei Spitzenbelastung imstande sein, alle Gespräche praktisch im Sofortverkehr, also mit Wartezeiten von höchstens einigen Minuten, abzuwickeln. Auch an dem weiteren Ausbau des innerstädtischen Fernsprechnetzes und an seiner Modernisierung wird ständig gearbeitet. Sowohl das Auftrags- als auch das Investitionsprogramm erstrecken sich über mehrere Jahre und sichern rund 14 000 Westberlinern in 400 Firmen aller Fertigungszweige auf Jahre hinaus Dauerarbeitsplätze. geo.