Etwa eine halbe Million Menschen in der Bundesrepublik und der Schweiz hat am vorigen Freitag die Fernsehfassung von Carl Zuckmayers neuem Drama "Das kalte Licht" gesehen – ein-Vielfaches der Gesamtzuschauerzahl in allen Theatern, die jetzt das Werk spielen, und wieder ein Hinweis auf die Breitenwirkung und die dadurch bedingte empfindliche Verantwortung des Fernsehens. Die Zuschauer sahen und hörten zuerst den Dichter selbst, der soeben im Baden-Badener Studio die Generalprobe miterlebt hatte und seine Zustimmung zu der notwendigerweise stark kürzenden Fassung des Werkes durch den Regisseur Leo Mittler (von etwa drei Stunden des Originals auf anderthalb) erklärte. Die Reduktion, sagte er, sei eine Konzentration aufs Wesentliche geworden; die gestrichenen Szenen wären "zwar wichtig für die Dichtung, aber nicht für die Handlung". Dieser wohnt ja nun auch wirklich etwas Didaktisches inne – eine Warnung vor pharisäischen Urteilen –, so, daß ein so intelligenter Digest wie der Mittlersche die Absicht Zuckmayers klarer herauskommen läßt, als manche ausführlichere Bühnenaufführung. Für den Verzicht auf einige schöne Szenen (zum Beispiel die Überfahrt der Schutzhäftlinge) und einige poetische Figuren entschädigten die Fernsehkameras durch den reicheren Wechsel der Einstellungen. Es zeigte sich etwa, daß eine so blaß gebliebene Gestalt wie die Lady Keilende sofort Substanz bekommt, wenn das beseelte Gesicht Margot Troogers die Lücken des Textes mimisch ergänzt, und daß auch die allzu klug geratene Figur des Geheimdienstbeamten Northon mehr menschliche Wärme erhält, sobald sich das Mitfühlen mit dem Schuldigen auf den Zügen Kurt Ehrhardts spiegelt. Den Nachteil der Kurzfassung mußte (außer dem kommunistischen Verführer) vor allem die Hauptfigur des Atomspions Kristof Wolters selbst tragen, dem Peter Schütte zwar ein Charakterprofil und den Ausdruck sanfter Gequältheit, kaum aber jene Ausbrüche des Unwillens und der Verzweiflung geben durfte, mit denen der Bühnendramatiker Zuckmayer seinen Helden ausgestattet hat. Das eherne Gesetz, daß Fernsehspiele kurz sein müssen, beschnitt hier dem Dichter wie dem Darsteller die Flügel.

Wir werden hören:

Donnerstag, 20. Oktober, 21 Uhr vom Südwestfunk: Die süddeutsche Premiere von Axel Eggebrechts brillanter Hörfolge "Fest der Götter", die aus Bernard Shaws Briefen an Stella Campbell (virtuos gelesen von Will Quadflieg) ein frappantes Bild des Spötters und heimlichen Troubadours entwickelt.

17.05 vom NWDR: Der junge Theaterautor Wolfgang Altendorf und der Kritiker Christian E. Lewalter widersprechen einander zum Thema "Dramatikernach wuchs". – 20.00 vom NWDR: Peter Hirches soeben mit dem Preis des italienschen Rundfunks ausgezeichnetes Hörspiel "Heimkehr" wird zum erstenmal auf Mittelwelle gesendet. – 23.00 aus Frankfurt: Arnold Schönbergs Orchester-Variationen, Bartóks "Kontraste" und Wolfgang Fortners Streichtrio. – 23.15 vom SWF: Eine Klaviersonate von Henk Badings und ein Streichquartett von Darius Milhaud. – 23.15 vom NWDR: Boris Blachers "Orchester-Ornament" (1953) und die Ursendung von Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert "Darkey’s Dark".

Freitag, 21. Oktober, 22.15 Uhr vom NWDR:

Ernst Schnabel nennt sein Feature "Symposion für Psychopathen", weil es, nach Beobachtungen des englischen Psychotherapeuten H. Robertson, zeigen soll, daß die Männer, die auf Walfängern anheuern, sich aus einem Überschuß an Vitalität aus dem Reglement der Zivilisation flüchten.

20.15 vom NWDR: Die Hamburger Funkaufführung von Purcells "Dido und Aeneas". – 20.45 aus Stuttgart: In der Sendereihe "Erziehung – wozu?" spricht Professor Otto Friedrich Bollnow über den Einfluß des veränderten Menschenbildes auf das pädagogische Denken. – 22.30 vom SWF: Die Museumsleiter Günther Grundmann und Walter Passarge erörtern mit Walter Dirks und Rudolf Hagelstange die Frage "Hat das Museum noch eine Funktion?" – 23.45 aus Stuttgart: Andor Foldes spielt Klaviermusik vor Bé1a Bartók.