Die Angelegenheit ist doch völlig uninteressant, ich verstehe nicht, warum die Zeitungen davon so großes Aufsehen machen." Das sagte der zweite Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Matthias Föcher, als ihn der Berichterstatter der Süddeutschen Zeitung nach dem Fall Agartz fragte. Aber so uninteressant ist der Fall gar nicht. Wenn ein Mann, der jahrelang als der Cheftheoretiker der Gewerkschaften angesehen wurde, plötzlich beurlaubt wird, offenbar ohne Chance, in Zukunft seine Rolle in der Gewerkschaftsbewegung weiterzuspielen, so ist das schon interessant.

Zur Krise kam es, als Dr. Victor Agartz, einer der drei Direktoren des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts der Gewerkschaften, seinen jetzt ebenfalls beurlaubten Kollegen Professor Bruno Gleitze im Juli dieses Jahres unerwünschter Ostbeziehungen verdächtigte. Agartz übergab dem Vorsitzenden des DGB, Freitag, die Photokopien zweier Briefe mit der Unterschrift von Gleitze. In den Briefen, die an den Generalsekretär der SED gerichtet sind und in denen Ulbricht als "mein lieber Walter" angeredet wird, schienen Loyalitätszusicherungen für die DDR enthalten zu sein

Gleitze war im Urlaub, als Agartz die Photokopien übergab, die natürlich großes Unbehagen und ein lebhaftes Hin und Her zwischen den DGB- und SPD-Funktionären hervorriefen. Als aber Gleitze nach seiner Rückkehr mit einer gerichtlichen Klage und einem öffentlichen Skandal drohte, rief der DGB-Vorstand die Behörden zu Hilfe. Die Überprüfung des Falles Gleitze ergab, daß die Briefe Fälschungen waren, und sogar plumpe, vermutlich in Westdeutschland hergestellte Fälschungen, wie die Fachleute erklärten. (Sowjetzonale Fälschungen, die in den Auseinandersetzungen von Gewerkschaftsfunktionären auch schon ihre Rolle gespielt haben, sollen meist besser gemacht sein)

Damit war der Angriff auf Gleitze zusammengebrochen. Dr. Agartz hat aber in den folgenden Auseinandersetzungen weitere Versuche gemacht, den Verdacht gegen Gleitze zu begründen. Insbesondere warf er Gleitze vor, er habe als Dekan gegen drei Studenten der Ostberliner Humboldt-Universität ein Disziplinarverfahren gefordert, weil die Studenten in der Studentenzeitung Colloquium kritische Artikel gegen die sowjetische Besatzungsmacht und die kommunistische Partei gegeschrieben hatten. In Wirklichkeit hatte Gleitze, nachdem die Sowjets diese Studenten vom Universitätsbesuch ausgeschlossen hatten, die Forderung gestellt, daß der Fall durch ein ordentliches Disziplinarverfahren geklärt werden solle.

Die Unkollegialität, mit der Agartz gegen Gleitze vorgegangen ist, mußte zu seiner Beurlaubung führen, die "im übrigen mit den Fragen der Gewerkschaftspolitik nichts zu tun" habe, so sagt man im DGB.

Natürlich war man in der DGB-Zentrale über die Agartzsche Aktion einigermaßen verwundert. (Resigniert sagte ein Gewerkschafter: "Bei uns gibt es drei Abschußmöglichkeiten: Entweder macht man das Objekt zum Nazi oder zum USAhörigen Reaktionär oder zum DDR-Anhänger.") Da Agartz selbst der Mann des Linkskurses ist – die Aufregung der Ostpresse über die Krise im WWI spricht eine deutliche Sprache–, erscheint die Stoßrichtung besonders verwunderlich. Einer der engsten Mitarbeiter von Agartz, der von ihm ins WWI berufene, seither aber gekündigte Theo Pirker, tritt zum Beispiel öffentlich für die Aufnahme von Beziehungen mit dem sowjetzonalen sogenannten Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) ein. Agartz selbst ist mit seiner liebevollen Kommentierung des Wirtschaftssystems, mit dem die jugoslawischen Kommunisten – reichlich erfolglos – eine sozialisierte Produktion in Gang zu bringen versuchen, auf dem äußersten linken Flügel des Marxismus gelandet.

Auch über Agartz gibt es, sollte seine gegen Gleitze angewandte Methode Schule machen, genügend "Material". Hat sich Agartz zum Beispiel mit dem Sowjetzonen-Minister Rau in Köln getroffen, ohne den DGB-Vorstand zu unterrichten? Agartz bestreitet es. Bestehen mit den französischen kommunistischen Gewerkschaften, die bei der Infiltration gewerkschaftlicher Einrichtungen der Bundesrepublik eine besondere Rolle spielen, direkte oder indirekte Kontakte? Lief die Politik der Gruppe Agartz nicht nur in der Wirkung, sondern auch in der Absicht darauf hinaus, die Abspaltung christlicher Gewerkschaften vom DGB zu fördern? Und würde nicht eine solche Abspaltung tatsächlich dem Schlagwort "Aktionseinheit mit dem FDGB" Erfolgschancen bringen? Man darf ja nicht vergessen, daß der DGB ohnehin Schwierigkeiten hat, eine klare Linie gegen die kommunistische Anbiederung einzuhalten. Denn die Propagandisten der Aufweichung im Gewerkschaftslager fragen – nicht ohne einen Schein von Berechtigung: "Warum wollte ihr denn nicht mit dem FDGB reden, wenn sogar Adenauer mit Bulganin redet... ?"