Wenn die Teilnehmer der Olympischen Reiterspiele im Sommer des nächsten Jahres in das 1912 geweihte Olympia-Stadion von Stockholm einreiten werden, wird in der deutschen Mannschaft der beste unserer Springreiter, der zweifache Weltmeister Hans Günther Winkler, fehlen. Das strenge Olympische Protokoll verbietet ihm – obwohl er nach den Bestimmungen der Föderation Équestre Internationale (F.E.I.) ein Amateur ist – die Teilnahme an den Spielen.

Nach dem olympischen Gesetz darf zu den Weltspielen kein Mensch zugelassen werden, der sich jemals "gegen Geld" im Sport betätigt hat. Mit diesem harten Gesetz wollte und will man vor allem auch verhindern, daß Sportlehrer (von den reinen Berufssportlern ganz zu schweigen) am Start erscheinen. Die Bestimmung geht so weit, daß diese Sportler auch dann nicht teilnahmeberechtigt sind, wenn sie ihren Sportlehrerberuf längst wieder aufgegeben haben und sich in einem Beruf betätigen, der auch nicht das geringste mit Turnen und Sport zu tun hat.

Wir wollen nicht schon wieder auf das leidige Amateurproblem eingehen, das seit vielen Jahren die Gemüter bewegt, auf fast jeder Tagesordnung der Sitzungen des Comité International Olympique (CIO) erscheint und doch noch niemals gelöst worden ist. Wer es allerdings ernst mit dem Sport meint, darf die Hoffnung nicht aufgeben, daß eines Tages doch endlich eine Lösung gefunden wird, die allen Teilen und besonders den wahren Amateuren gerecht wird. Sonst würden die Olympischen Spiele eines Tages ihren Sinn verlieren.

Aber selbst der kompromißlose Anhänger des reinen Amateurstandpunktes kann nicht umhin, zuzugeben, daß es einige internationale Fälle gibt, die nur individuell behandelt und entschieden werden können. Und zu ihnen gehört vor allem der Fall Hans Günther Winkler. Er kam nach Ende des Krieges völlig mittellos wieder in die Heimat. Der Vater war noch in den letzten Kämpfen gefallen, die Mutter in Frankfurt am Main ausgebombt. Irgendwo mußte der Sohn unterschlüpfen und sein Brot verdienen. Im Schloß Friedrichshof im Taunus saß als Leiter des landgräflich-hessischen Marstalles ein alter Bekannter seines Vaters, der froh war, nicht nur dem Sohn seines gefallenen Freundes in arger Bedrängnis helfen zu können, sondern in ihm auch einen zuverlässigenHelfer zu findender ihm bei der Betreuung der Pferde (und ihrer damaligen Reiter, der Offiziere der amerikanischen Besatzungsmacht) zur Hand gehen konnte. So arbeitete also Winkler, "der Not gehorchend", als Pferdepfleger und später auch als Zureiter bei dem ehemals landgräflichen Sattelmeister bis zu dem Augenblick, da er endlich den Beruf ergreifen konnte, der ihm zusagte und der ihm seinen Lebensunterhalt sicherstellte.

Hier haben wir also ein typisches Nachkriegsschicksal. Abertausende haben sich so durchschlagen müssen, als Holzfäller, Gepäckträger, Nachtportiers, Kellner in Besatzungskantinen, Büroboten und was dergleichen "Berufe" mehr waren, nur um eine notdürftige Unterkunft und ihre Lebensmittelkarten zu haben. Hans Günther Winkler verschlug es in die Ställe des Schlosses Friedrichshof. Er war dankbar für diese vorübergehende Notlösung, wie alle die anderen unglücklichen Menschen, die, aus der Bahn geworfen wie er, jede Arbeit annahmen, um ihr Leben fristen zu können. Daß Winkler als begeisterter Amateurreiter glücklich war, eine Arbeit zu finden, die ihm auch noch lag, ist selbstverständlich.

Kann man dieses Schicksal gerechterweise mit dem eines Berufssportlers oder eines Sportlehrers vergleichen? Macht Winklers Dienst im Stall ihn olympia-unwürdig? Wir glauben, der Baron Coubertin hätte seine helle Freude an Menschen gehabt, die, anstatt sich auf dem Schwarzen Markt zu betätigen, eine zwar untergeordnete und für sie wenig geeignete Arbeit fanden und so ihr Leben und ihr Schicksal meisterten. Hatte der Erneuerer der Olympischen Spiele doch selbst nach dem ersten Weltkrieg schwerste wirtschaftliche Not mit der stoischen Kraft seines Herzens widerstanden.

Wir meinen also, dieser Fall sollte schnellstens von den zuständigen deutschen Stellen bereinigt werden. Wir können uns nicht denken, daß die so klugen Männer des CIO sich unseren berechtigten Vorstellungen verschließen würden. Was für ein Unterschied besteht denn zwischen Winkler und etwa den Offizieren und Unteroffizieren der Kavallerie aller Länder, die kaum etwas anderes tun als reiten und Pferde pflegen? So fest wir also an den Bestimmungen des CIO über den Amateurismus festhalten und jede großzügigere Auslegung der Regeln ablehnen, hier sollte der gesunde Menschenverstand für Hans Günther Winkler sprechen, der niemals "gegen Geld" geritten hat. Wir würden das gleiche natürlich für jeden anderen Sportsmann in der gleichen Situation fordern, egal, welcher Nation er angehören mag. Aber wo gibt es schon einen Parallelfall?

W. F. Kleffel