Wer in Deutschland in der Notzeit nach dem Kriege Gelegenheit hatte, die großzügige Hilfsbereitschaft amerikanischer Freunde schätzen zu lernen, ihren offenen, nüchternen Sinn für das Praktische und Notwendige, die überraschende Selbstverständlichkeit, mit der sie kamen, sahen und helfend eingriffen (und das waren viele von uns), mag einigermaßen bestürzt das neue Buch von

Nicholas Monsarrat: Esther Costello, Roman, Paul Zsolnay Verlag, Wien, 320 S., aus dem Englischen von Melitta Ollendorf, 9,80 DM

aus der Hand legen. In seiner sachlichen Brillanz und schriftstellerischen Perfektion wirkt es nämlich wie eine grausame "Entlarvung" amerikanischen Wesens. Die von keiner Reflektion und keiner subjektiven Gefühlsäußerung durchbrochene Fabel erzählt die Geschichte eines Kindes und jungen Mädchens, das von dem bei einer Explosion erlittenen Schock taubstumm und blind wurde. Das armselige irische Dorf, in dem Esther lebt, kann ihr nicht helfen. Sie haust, verkommen, verdreckt und vergessen, wie ein scheues Tier in einem Stall, bis sie drei Jahre später von Mrs. Bannister gefunden und zur Heilung nach Amerika gebracht wird. Die Behandlung bleibt jedoch erfolglos. Mrs. Bannister, anfangs eine sympathische Frau, die tatkräftig und voll ärgerlichen Entsetzens über soviel Rückständigkeit eingreift, gerät – man möchte sagen, immer hoffnungsloser – in den Ruf großer Güte und Menschlichkeit, der ihr sichtlich behagt. Er veranlaßt sie, ihrer ersten spontanen Anwandlung von Selbstlosigkeit weitere Akte des Mitgefühls folgen zu lassen, angekränkelt bereits von jenem Ehrgeiz, den eine am rührenden Schicksal des blinden Mädchens lebhaft interessierte und teilnehmende Öffentlichkeit nährt und anspornt – bis aus der harmlos durchschnittlichen Mrs. Bannister ein Monstrum an berechnender Grausamkeit, Gemeinheit und Kälte wird. Es gibt wohl kaum bissigere Persiflagen des American Way of Life als die Versammlungen zum Wohle der Blinden, die Mrs. Bannister mit Esther veranstaltet. Sie bringen ihr beträchtliche Summen ein, und Mrs. Bannisters Mann, liiert mit dem überaus geschäftstüchtigen Mr. Lett, organisiert den Seelenrommel und schwungvollen Handel mit Menschlichkeit und Mitleid "en gros". Als Esther Costello durch einen erneuten Schock ihre Sinne zurückgewinnt und das ganze schwindelerregende Geschäft zusammenzubrechen droht, wird das wehrlose Mädchen von seinen Managern gezwungen, weiter die Blinde und Taubstumme zu spielen, bis ein junger Reporter, der Esther liebt, den unerhörten Betrug aufdeckt – allerdings kommt ihm Mrs. Bannister zuvor. Esther stirbt an einer übergroßen Dosis Schlaftabletten, ehe die Öffentlichkeit aufgeklärt wird.

Die bewußte Überspitzung dieses grausigen Geschehens verdrängt das peinigende Bewußtsein einer tatsächlich vorhandenen extrem bösartigen Wirklichkeit keineswegs. Die erregende, aufrüttelnde Moralität der klaglos präzisen Schilderung einer Welt von Geschäftemachern und Managern auf der einen, und seelisch verarmten, sensationsgierigen Massen auf der anderen Seite, bestimmt eindeutig den Charakter dieses Orwell und Huxley verwandten Buches, das an Großartigkeit und Überzeugungskraft durch seine völlig privat und unpolitisch bleibende Sphäre gewinnt. So hat Monsarrat – nach dem "Großen Atlantik", dem Roman des U-Bootkrieges – zum zweiten Male nicht nur ein gutes, sondern auch ein grimmiges und echt tendenziöses Buch geschrieben.

Aus dem eiskalten Licht dieses glänzend geschriebenen Buches in die visionäre Traumwelt, die geheimnisvollen Hintergründe menschlicher Existenz, die seltsam tiefen Beziehungen einer horchenden Seele zu den Dingen, den Tieren, dem Wasser, der Nacht und dem Feuer, unterzutauchen, ist wie Heimkehr. Eine von Stürmen und Wassern heimgesuchte Insel im Rhonedelta, deren Herr und Besitzer seinem Neffen ein mystisches Vermächtnis hinterlassen hat, ist der Schauplatz des legendären Romans von

Henri Bosco: Das Erbe der Malicroix, Holle Verlag, Darmstadt, 370 S., aus dem Französischen von Günther Vulpius, 14,– DM.

Ein Buch von ergreifender Leuchtkraft der Sprache und Bilder – wesensverwandt den schönsten Dichtungen der deutschen Romantik, lauter und stark in seiner eindringlichen und hintergründigen Symbolik, die aus den handelnden Figuren die menschlichen Urbilder herausarbeitet: den starken, getreuen Knecht Balandran, den dämonisch-teuflischen Notar Domiols und seinen zwiegesichtigen, doppelzüngigen Gehilfen, difreundlich-diesseitige, heiterem Lebensgenuß hin, gegebene Familie Mégrémut, das geheimnisvoll Waldmädchen Anne-Madeleine und den zur Sühnt bereiten Mörder. Das Vermächtnis des Malicroix ein Auftrag, der das Wesen des jungen Erben geduldig und klar wie eine Frucht aus den Hüllen der Zufälligkeiten schält und läutert, wird, nach seltsamen Prüfungen und heimtückischen Angriffe! des dämonischen Widersachers Domiols, der mit der feindlichen Familie Rambard verbündet ist, erfüllt. Der blinde Fährmann Le Grélu, der durch eine Mordtat dem Hause Malicroix den Todesstoß versetzte, sühnt sein Verbrechen – aber er vermag es nicht aus eigener Kraft. Der junge Erbe des letzten Malicroix, ein Mégrémut, nur durch mütterliches Blut mit dem alten Malicroix verbunden, muß den zärtlich-harmlosen Mégrémut in sich selbst überwinden, um ein Malicroix zu werden, der sich vor Sturm und Wasser nicht fürchtet und dem Befehl des toten Malicroix gehorcht. So führt er zu Ende, was dem Alten nicht mehr vergönnt war. Man hat Henri Bosco einen katholischen Surrealisten genannt. Man sollte ihn einfacher und treffender einen begnadeten Dichter nennen.

Johanna Moosdorf