Einen programmatischen Titel trägt die Erzählung Ina Seidels, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feierte:

Ina Seidel: Die Fahrt in den Abend. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 92 Seiten, 3,60 DM.

Die erste Station der Fahrt, die für Friedrich Hornung, den berühmten Arzt und Universitätslehrer, zu einer Lebensentscheidung wird, ist das Haus seines Jugendfreundes Berthold, dessen Frau Miranda Hornungs ärztlichen Rat verlangt. Hornung, durch diesen "Anruf aus der Vergangenheit", aus seinem täglichen Gleichgewicht gebracht, findet sich am Bett der Sterbenden wieder zum Ausgang seines Lebens zurückgeführt. Als junger Dozent war er mit Miranda verlobt. Er verließ sie und wählte statt eines ruhigen bürgerlichen Lebens rastlose Forscherarbeit, Karriere und Ruhm. War diese Wahl richtig? Diese Frage verfolgt ihn auf der Heimfahrt und lenkt seine Aufmerksamkeit so weit von der Realität ab, daß er gegen einen Lastwagen rast. In den Stunden der Ohnmacht setzt er seine Traumreise in den Abend fort mit Miranda als Gefährtin. Sie bestätigt ihm die Richtigkeit seiner Entscheidung und gibt ihm das erlösende Gefühl des "Einsseins". So löst Ina Seidel Hornungs Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die "einem persönlich gar nicht mehr gehört", mit der Erkenntnis, daß eine Existenz, getreu dem Gesetz der eigenen Persönlichkeit geführt und vollendet, sinnvoll und gut ist.

In dieser breit ausgesponnenen Erzählung kämpft sich die Autorin selbst durch den "Schutt, den ungeheuren Vorrat an Erinnerung", um ihre sehr traditionelle Lösung vorzubereiten. Manchen Gedankengängen fehlt die schlichte und überzeugende Klarheit, die solchen Sätzen wie "... er nahm den ... Ausdruck der Landschaft wahr und geriet in stummen Austausch mit dem Antlitz der Erde", oder "Dann ereignete sich nach einer Weile das unnennbar Wohltuende: die Welt fiel aus der Zeit und er mit ihr", ihre Banalität nähme. sy