Am kommenden Sonntag, dem 23. Oktober, wird die Bevölkerung der Saar über die Annahme oder Ablehnung, des Statuts entscheiden. Drei Monate hatten die Parteien Zeit, die 670 000 Wähler über Inhalt und Tragweite des Statuts zu unterrichten. Die Argumente, so scheint es, sind nun erschöpft; jedenfalls konnte die Bevölkerung sich ein Urteil bilden, worum es geht.

Es geht bei der Abstimmung nicht um Hoffmann. Dieser Mann, der 1931 von der "Schmach französischer Knechtschaft" an der Saar sprach, und 1934 von den "bezahlten Lumpen und Verrätern", auf die sie sich stütze, ist der gleiche, dem die französische Besatzung unter Grandval 1947 bestätigte, er sei "Frankreich restlos ergeben." Er hat sich sein eigenes Urteil gesprochen. Vielleicht konnte er nicht verhindern, daß Frankreich die Saar, nicht durch Demontagen, sondern durch den Zugriff auf ihre Bodenschätze ausbeutete, aber er hat seine Unterschrift unter jedes Dokument gesetzt, das Paris ihm vorlegte; seine Mißwirtschaft hat die Verschuldung des kleinen Gebiets auf 45 Milliarden Franken, über eine halbe Milliarde Mark also, anwachsen lassen. Nun wird die Entwicklung über Hoffmann hinweggehen. Eine demokratische Regierung, gewählt von einem freien Landtag, wird ihn ersetzen, sobald die Bevölkerung ihre Meinung hierzu frei äußern kann. Eine sorgenfreie Zukunft hat er sich ohnehin gesichert.

Es geht bei der Abstimmung auch nicht um "deutschen Nationalismus". Daß sich ein Volk nicht von seiner Heimat losreißen lassen will, ist ein unverlierbares Recht, Ausdruck der freien Selbstbestimmung. Wer das Nationalismus nennt, ist entweder nicht aufrichtig oder kein Demokrat. Wenn irgend je Nationalismus an der Saar eine Rolle spielte, so war es der französische. Immer wieder hat Frankreich die Hand ausgestreckt, um dieses Land zu annektieren. Vierzehnmal hat es von den Alliierten die Anerkennung der Saarabtrennung verlangt, und vierzehnmal wurde sie verweigert.

Noch weniger geht es an der Saar um eine "Europäisierung", Daß das Statut kein europäisches ist (es sei denn, man wolle es so nennen, weil es in Europa von europäischen Staaten beschlossen wurde), hat sogar Senator Dehousse, der Vorsitzende der Saarkommission, in Straßburg festgestellt. Kein anderes Land der Westeuropäischen Union wäre bereit, einen Teil seines Gebiets nach dem Vorbild der Saar "europäisieren" zu lassen.

Bei der Abstimmung am 23. Oktober geht es vor allem um eins: Um das Recht und um die Freiheit. Es geht um das Recht, weil die Saarländer der politischen Trennung von Deutschland und der wirtschaftlichen Annexion durch Frankreich, die nach seinen Verpflichtungen gemäß der Atlantik-Charta ein Unrecht und ein Wortbruch ist, nicht zustimmen. Es geht um die Freiheit, weil sie die Bindung an ihre Heimat niemals freiwillig aufgeben wollen. Für die, die das Statut verwerfen, ist es eine Entscheidung für oder gegen Deutschland. Die Saarländer kennen die zähe Beharrlichkeit des französischen Nachbarvolkes. Sie fürchten, daß Paris alles daran setzen würde, sie nie wieder, auch nicht in einem künftigen Friedensvertrag, freizugeben, hätten sie erst einmal dem Statut zugestimmt. Sie möchten den Weg zur Rückkehr offenhalten, und darum wollen sie mit nein stimmen.

In diesem Sinne allerdings geht es auch um Europa. Europa kann, soll es zur Einheit gelangen, nur auf dem Recht und auf der Freiheit ruhen. Durch ein Ja zu diesem Statut wäre ihm, was immer die guten oder die Speseneuropäer vorgeben, schlecht gedient. Eine Lösung, die die Franzosen, wollte man sie den Menschen ihres eigenen Gebietes zumuten, mit Empörung als Landesverrat von sich weisen würden, kann nicht Anfang und Grundlage einer gleichberechtigten Gemeinschaft der abendländischen Völker sein. Sie würde, weil sie eine Frucht der Gewalt ist, die Freundschaft zwischen beiden Völkern, ohne die Europa nicht entstehen kann, weit nachhaltiger trüben als ein klares Nein.

Französische Politiker haben zwar erklärt: werde das Abkommen abgelehnt, so kämen neue Verhandlungen nicht in Frage. Das müssen sie wohl vor der Abstimmung tun, um nicht die Chancen der Hoffmann-Parteien zu vermindern. Ist aber das Nein eine Tatsache geworden, so sind sie frei. Denen, die guten Willens sind, gäbe das Votum eine stärkere Stellung gegenüber dem Parlament, und es wird leichter sein, eine bessere Übergangslösung zu schaffen – nicht durch Verhandlungen mit französischen Marionetten, sondern mit einer freigewählten Regierung. Das ist nicht nur die Folgerung, die der Bonner Völkerrechtslehrer Walter Schätzel in einem Gutachten niedergelegt hat; es ist auch die Meinung, die französische Regierungskreise heute schon im Privatgespräch zum Ausdruck bringen. Man darf nicht vergessen, daß bereits Mendès-France vor einem Jahr größeres Entgegenkommen bewiesen hätte, wäre er nicht durch Grandval und durch ein Schreiben Johannes Hoffmanns vom 16. Okt 1954, der um seine Stellung bangte, davon abgehalten worden. Das ist ein weiterer Beweis, daß eine starke französische Regierung, die in der Lage wäre, in Nordfrankreich wie an der Saar Entschlüsse zu fassen, die auf lange Sicht auch zu Frankreichs Bestem sind, zugleich im deutschen Interesse läge.