Die Streitkräfte des Westens sind sowohl an Zahl wie an Qualität hinter den Erwartungen zurückgeblieben." – Es gab einmal eine Zeit, da hätte eine solche Mitteilung aus dem Munde des Oberkommandierenden der NATO-Streitkräfte in Europa mindestens in den zuständigen Ministerien, aber wahrscheinlich auch darüber hinaus in der Öffentlichkeit einige Bestürzung ausgelöst. Noch vor einem Jahr wäre das so gewesen.

Inzwischen ist der "Geist von Genf" zum politischen Schlagwort geworden, und es gilt schon beinahe als geschmacklos, angesichts einer "Offensive des Lächelns", wie sie vom Osten vorgetragen wird, von Luftabwehr und Verteidigungskosten überhaupt noch zu reden. Nun gibt es gewiß erfreulichere Gesprächsthemen als die Möglichkeiten eines künftigen Krieges, und ob die römische Devise von der Friedensliebe, die zum Kriege gerüstet sein muß, ob das Si vis pacem para bellum in solcher Zuspitzung politisch uneingeschränkt richtig ist, kann angezweifelt werden. Andererseits müssen Soldaten die Möglichkeiten eines Krieges im Auge behalten; das para bellum ist ihr Metier. Solange irgendwo noch gerüstet wird, darf auf lange Sicht niemand hoffen, ungestraft schwach zu sein. Und nun geht es mit Armeen einmal nicht so, daß man sie nach Belieben reduzieren, verstärken, auflösen, wieder sammeln könnte, je nachdem, wie der politische Wind gerade weht. Bei einem Blick auf die Karte seines "Operationsgebietes" müssen dem Oberkommandierenden der Streitkräfte in Europa nun allerdings Bedenken kommen: Türkei – als solider Stützpunkt markiert; Jugoslawien – großes Fragezeichen; das griechische Kontingent – "zur Zeit nicht neben Türken oder Engländern einzusetzen"; Österreich – neutral; Schweiz – neutral; Deutschland – zwölf Divisionen kaum vor 1958; Frankreich – die bessere Hälfte der Einsatztruppen abgezogen nach Nordafrika; Großbritannien – Truppen um 100 000 reduziert; Benelux, Dänemark, Norwegen – Bodenverbände zum Schutz der Nordflanke nicht ausreichend. Gruenthers Kommentar: "Die potentielle Abwehrfront ist sehr dünn besetzt" kann danach wohl kaum als zweckgebundene Übertreibung verstanden werden. Seine Beurteilung des militärischen Kräfteverhältnisses muß sich daher ganz auf die Überlegenheit der ihm zur Verfügung stehenden Atomwaffen stützen.

Eine den militärischen Experten unerwartete Begleiterscheinung dieser "Sicherheit im Schatten der Atomwaffen" war es jedoch, daß Politiker daraus die Möglichkeiten ableiteten, den allenthalben als wirtschaftliche Belastung empfundenen Etat für konventionelle Rüstungsausgaben zu kürzen. Das aber kann, zu Ende gedacht, doch nur zwei Folgen haben, von denen eine so verhängnisvoll wäre wie die andere: Entweder jeder Grenzzwischenfall kann zu einem Atomkrieg führen; oder der Einsatz von Atomwaffen wird von einer bestimmten Provokationsstärke abhängig gemacht, die ziemlich hoch liegen muß – wonach dann eine aggressive Politik nichts anderes zu tun hätte, als sich immer gerade noch eben unterhalb dieser Provokationsgrenze zu halten. Geduld und Ausdauer vorausgesetzt, läßt sich die Welt auch so erobern.

"Nur durch den Einsatz taktischer Atomwaffen sind die NATO-Truppen in der Lage, einem potentiellen Angriff aus dem Osten wirkungsvoll zu begegnen." Der erste, der diese nicht unbedenkliche Situation klar und rücksichtslos vor die Öffentlichkeit brachte, war Feldmarschall Lord Montgomery von Alamein. "Monty" ist dafür bekannt, daß er sich schwer davon abhalten läßt, unliebsame Wahrheiten präzise zu formulieren. Schon das gibt auch seiner letzten Feststellung besonderes Gewicht: "Unsere Streitkräfte" (gemeint ist die NATO), so sagte er, "sind für eine moderne Kriegführung vollkommen ungeeignet." Einer der Anlässe für diese scharfe Kritik, die inzwischen vom amerikanischen Verteidigungsminister Wilson als Übertreibung bezeichnet worden ist, waren wohl die nicht sehr befriedigenden Ergebnisse des Luftmanövers Carte Blanche, bei denen sich unter anderem herausstellte, daß eine europäische Luftabwehr durch das Fehlen eines umfassenden Luftwarndienstes erschwert, wo nicht unmöglich gemacht wird.

Es ist unwahrscheinlich, daß die Erfahrungen der NATO-Herbstmanöver Cordon Bleu geeignet sind, Montgomerys Skepsis zu beschwichtigen. Die Sonderinteressen der einzelnen Nationalstaaten und die Sonderinteressen der traditionellen Wehrmachtsteile Heer, Marine und Luftwaffe stehen einer "globalen" strategischen Planung, die allein realistisch wäre, entgegen. Das ist Montgomerys Grundüberzeugung, die, wie man sich denken kann, auch im Palais Chaillot Vertreter hat, wenn man sich dort auch in seinen Äußerungen größere Vorsicht auferlegen muß.

Montgomery fordert von den Politikern, die Trennungen zwischen den Wehrmachtsteilen zu beseitigen und für den Ernstfall einen politischen Zusammenschluß aller NATO-Staaten vorzubereiten. Die zweite Forderung hat dazu geführt, daß man sich Sorgen macht, ob der Feldmarschall wohl noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei. Seine Vorschläge im einzelnen zu diskutieren, muß jetzt Aufgabe der militärischen Fachleute sein. Sie werden dabei wieder nicht umhin können, von den Möglichkeiten eines künftigen Krieges zu reden – auch wenn das kein erfreuliches Gesprächsthema ist... Rudolf Walter Leonhardt