P. X., Essen, im Oktober

Aus der Privatvilla eines deutschen Unternehmers ist "Das Haus Industrieform" geworden, ein der Allgemeinheit zugängliches Anschauungszentrum kultureller Bestrebungen. Die industriellen Formgeber. haben mit dem ehemaligen "Kleinen Haus" der Villa Hügel in Essen eine Bühne zur Öffentlichkeit erhalten.

In den fünfundzwanzig von Dr. Mahlberg meisterlich neugestalteten Räumen sind aus etwa 20 Industriezweigen formvollendete Erzeugnisse ausgestellt: Ruhrglas, von dem in einem Jahr allein 70 Millionen verkauft wurden, Künstlertapeten von Rasch, Schreibmaschinen von Adler und Olivetti, Rundfunkgeräte im modernen Gehäuse von Braun, ein Ofen, den in den dreißiger Jahren Prof. Gropius entwarf, Lampen nach Entwürfen von Prof. Wagenfeld, das Porzellan "Anmut" aus Selb, Gebrauchsgegenstände aus Kunststoffen, Stahlerzeugnisse und Werkzeuge.

Nicht nur die Fertigprodukte der Industrie sind hier wie auf einer landläufigen Messe mehr oder weniger willkürlich aneinandergereiht, zur Schau gestellt. Das organische Wachsen vom Entwurf zum Fertigprodukt, die Betriebe selbst und die gestaltenden Kräfte am Einzelstück werden in Schaubildern gespiegelt. Zwar können die einzelnen Werke auch im "Haus Industrieform" Räume und Flächen mieten; über Annahme der Erzeugnisse entscheidet aber eine zwölfköpfige unabhängige Jury, zu der die Professoren Schwippert (Aachen), Schardt (Folkwang-Essen) und der Direktor der Hamburger Kunsthalle Prof. Hentzen gehören. Die Ausstellung soll nicht permanent die gleiche bleiben, denn die Formen entwickeln sich weiter: immer das gültigste Stück jedes Industrieerzeugnisses soll künftig hier ausgestellt werden.

Der Verein "Industrieform", bei dessen Gründung der Bund der deutschen Industrie Pate stand, hat die Ausstellung geschaffen. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Ideen des Werkbundes und des Bauhauses weiter zu entwickeln. Von jenen Männern, die seit 1933 in Amerika erfolgreich fortsetzen, was sie in den zwanziger Jahren in Deutschland begannen, wurde das Leitmotiv dieser Neugründung in Essen-Bredeney treffend formuliert: "Der Kaufmann, der Techniker und der Entwerfer sind gleichermaßen unentbehrlich für die Qualität der Ware. Der künstlerische Entwerfer muß verantwortliches und gleichberechtigtes Mitglied des industriellen Produktionsstamms werden. Die Entwicklung zu einer echten Demokratie wird den Künstler, der ja von Natur aus der Prototyp des Universalmenschen ist, aus seiner heutigen Isoliertheit herausreißen und ihn wieder im täglichen Leben der Gesamtheit absorbieren." Den künstlerischen Individualismus der vergangenen Epoche vertrat eigenwillig der greise Henry van de Velde in einem Grußtelegramm. "Kunst und Industrie seien so unvereinbare Gegensätze wie Ideal und Wirklichkeit", sagte er darin. "Dem Wesen der Industrie ist es ebenso fremd, sich nach Schönheit zu richten, als mit den Forderungen einer Moral, die sich auf die vollkommene Ausführung der Produkte stützt, zu rechnen. Die Gewinnsucht, welche die Industrie hervorrief, stempelt Ihr Wesen und ihre Mittel. Beide sind rücksichtslos."

Die Auffassung der jungen Generation der Formgeber und Industriellen stimmt . nicht mit der pessimistischen Ansicht des erfahrenen van de Velde überein. Sie führt ins Treffen, daß sich die Wirklichkeit grundlegend geändert habe. Die Industriellen hätten eingesehen, daß die "form" über Sein oder Nichtsein eines Industrieproduktes entscheide. Der industrielle Fortschrittsglaube alten Stils sei erschüttert, formulierte Prof. Schwippert. Hinter der Zusammenkunft von Ministern, Gelehrten, Architekten, Ingenieuren, Künstlern stehe mehr als der Wunsch, ein paar Gläser, Kochtöpfe, Stühle, Lampen oder Mülleimer bewundernd zu betrachten. Sie alle führe der Protest gegen die Unzulänglichkeit und Häßlichkeit des Industrieproduktes zusammen. Optimistisch stimme das wachsende Bedürfnis der Allgemeinheit nach schönen Formen und nach materialehrlicher Gestaltung der Erzeugnisse. So hätten sich zum Beispiel bei einer Umfrage, wie sie wohnen wollen, 50 vom Hundert aller Befragten für moderne, formschön gestaltete Möbel ausgesprochen.

In der Bundesrepublik fehlt es aber vorläufig an der notwendigen großzügigen Heranbildung des Nachwuchses. Ein Industrial Designer muß eine umfassende Bildung und ein solides handwerkliches Können in sich vereinen; denn ein Produkt, das in Hunderttausenden von Exemplaren in die Hände der Verbraucher geht, muß lange und sorgfältig entwickelt werden. Qualität ist letzten Endes immer etwas "Inwendiges", auch beim Fabrikerzeugnis. Schwippert kritisierte die Hektik unserer Zeit. Leider komme es nicht vereinzelt vor, daß vor der Zeit eine bereits erworbene, gültige Form um der Mode willen wieder fortgeworfen würde.

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß unser Leben sich mehr und mehr zur Automation hinentwickelt, die die gestaltenden Kräfte unserer Hände und unseres Geistes Zug um Zug lahmlegt, muß man zugeben, daß im formschönen Industrieprodukt eine Gegenkraft gegen die das Individium zerstörenden Kräfte beschlossen liegt.