Das war eine aufschlußreiche, weil harte Kontroverse, in der sich "Schule" und "Wirtschaft" vor wenigen Tagen im Hause der Gemeinschaftsorganisation Ruhrkohle (Essen) gegenüberstanden (Arbeitstagung der Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft e. V. über das Thema: "Der junge Mensch in Schule und Wirtschaft"). Richtiger muß man wohl sagen: es war eine Auseinandersetzung von Pädagogen der verschiedenen Sparten mit bestimmten soziologischen Lehrmeinungen, die ein Bild vom Menschen und von der Wirtschaft entwerfen, das allerdings nicht nur einen Schulmeister in Harnisch bringen kann. Wenn dennoch im Verlaufe dieses Gesprächs so etwas wie eine Brücke zwischen diesen beiden heterogenen dennoch geschlagen wurde, dann war es dieses Mal mehr das Verdienst der "Schule" als der "Wirtschaft", die sich in wurde, wie uns schien, mehr als tunlich durch Ideologen vertreten ließ. Das ist eine Feststellung, kein Werturteil.

Da war die Rede vom Betrieb als einem zweckrationalen Gebilde, in dem "alles sachlich" sei, und in dem die persönlichen Beziehungen verschwunden seien. Die Wirtschaft steht im Trend einer zunehmenden Versachlichung und Anonymisierung, der ihr Schicksal sei und dem sie nicht entrinnen könne. Wirtschaft sei auf Gelderwerb eingestellt und auf sonst weiter nichts. In dieser nüchternen und illusionslosen Welt, in der es nur Interessen und technische Abläufe gäbe, hätten die dem humanistischen Bildungs- und Erziehungsideal im engeren und weiteren Sinne zugrunde liegenden Vorstellungen vom Menschen keinen Raum mehr. Die Schule stehe vor der Aufgabe, aus dieser Entwicklung die Konsequenzen zu ziehen und sich ihr "anzupassen". Die jungen Menschen, die heute in der Schule heranwachsen, hätten das schon längst der tan ...

Das alles ist genau so richtig wie falsch. Richtig insofern, als die immer weiter vorgetriebene Rationalisierung des Produktionsprozesses ein bestimmender Faktor der Arbeitswelt ist, in die der junge Mensch eintritt, wenn er die Schule verläßt. Falsch und das Bild der Wirtschaft verzerrend werden aber solche Hinweise in dem gleichen Augenblick, da sie als Sturmbock benutzt werden für eine "Gleichschaltung" des Menschen mit dem technischen Apparat und für eine Reduzierung der spezifisch menschlichen Fundamente – auf denen der Produktionsprozeß ruht und auch in Zukunft weiter ruhen wird – auf ein bedeutungsloses Minimum.

Wir sollten auch vor dem Anblick der kollossalen Größenordnungen in der Wirtschaft nicht vergessen, daß Maschinen von Menschen gehandhabt werden, die zueinander in mannigfachen Beziehungen stehen. Diese bleiben auch dann, wenn sie noch so sehr "versachlicht" sind, menschliche Beziehungen, die immer "da" sind und im Grunde nur gut oder schlecht sein können. Diese "menschliche" Art und Weise, die Wirtschaft und ihre Welt zu sehen, ist alles andere als "Romantik". Damit wird der Betrieb noch längst nicht eine "karitative Veranstaltung" oder "eine Institution für die Pflege mitmenschlicher Beziehungen", wie es in Essen gesagt wurde. Die vom Nüchternheits-Komplex besessenen und über ihrem gewiß aufschlußreichen empirischen Tatsachenmaterial sehr selbstbewußt gewordenen Jungsoziologen sollten sich ihre Polemik nicht so leicht machen. – Behauptet wird von denen, die die sogenannte "soziale Betriebsgestaltung" für eine höchst wichtige Angelegenheit halten, etwas ganz anderes: Der Betrieb ist eine Institution, deren Zweck es ist, zu produzieren und Geld zu verdienen. Aber diese Aufgabe entbindet den Betrieb keineswegs davon, Rücksicht darauf zu nehmen, daß das Produzieren und Geldverdienen, soweit das nicht mit Maschinen, sondern mit Menschen geschieht, immer ein menschliches Geschäft bleiben muß.

In der Diskussion in Essen meldete sich auch ein jüngerer Bergarbeiter zu Wort. Warum ist ein Fluktuation der Arbeitskräfte im Warum so groß? Er beantwortete diese Frage: Weil die Arbeit schwer ist, weil anderenorts leichter Geld verdient wird, aber auch, weil der junge Mensch es sich nicht gefallen lassen wolle, der als "Nummer" behandelt zu werden. – Das steht allerdings im Gegensatz zu der Theorie von der in ihrer reinen Sachbezogenheit sich angeblich so glücklich befindenden Jugend von heute.

Wir glauben übrigens nicht, daß die "Menschenwürde" allein mit Institutionen zu retten ist. Die zunehmende Institutionalisierung unseres gesellschaftlichen Lebens ist mit ein Grund dafür, daß der Raum für freie Entscheidungen auch in der Wirtschaft eng geworden ist. Wir glauben ganz im Wirtschaft daß den spezifisch menschlichen Belangen im Betrieb damit am besten gedient ist, wenn alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, die Institutionen durch Mobilisierung der ethischen Kräfte im Menschen mit Leben und Inhalt zu erfüllen. Und hier liegt die erste Aufgabe der Schule, soweit sie Menschen heranzubilden hat, die Schule, ihren Platz in der Wirtschaft auszufüllen haben.

Man hatte in Essen den Eindruck, daß sich auch ihren Platz so erschreckliche Darstellungen von der ganz der Mechanisierung ausgelieferten Wirtschaft unsere Lehrer nicht davon abbringen lassen werden, nach wie vor in erster Linie dafür zu sorgen, daß Menschen in die Wirtschaft nachwerden, für die Verantwortungsbewußtsein, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit (trotz der heutigen finanzamtlichen Verführungen), Denkkraft, kurzum Charakter und Persönlichkeit klare Vorstellungen sind. Und sie tun recht daran. Denn solche "erzogenen" Menschen braucht die Wirtschaft, heute sind. Und sie da gerade durch die Mechanisierung des Apparats Verantwortlichkeit bis in die untersten Arbeitplätze getragen wird.