Maria Mathis "Wenn nur der Sperber nicht kommt"

Um verstehen zu können, warum die literarische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich bei weitem nicht in dem Ausmaße stattfindet, wie mancher dies erhofft haben mag, wird man zweierlei bedenken müssen: einmal, daß ein jedes Geschehen absolut vergangen sein muß, damit es wiederkehren könne in der Literatur, und zum anderen, daß wir aus der Bewußtlosigkeit, in die uns der Schock des Jahres 1945 geschlagen hat, keineswegs schon ganz aufgewacht sind. Kein Wunder also, daß bislang fast nur Reportagen, Tagebücher, persönliche Rechenschaftsberichte für jene Epoche zeigten. Allmählich aber wandelt sich’s, und wenn auch das große Epos der Hitlerzeit noch nicht geschrieben ist, so scheint nun doch, als bewege sich die Literatur darauf zu: schüchternen, zaghaften, ungelenken Schrittes vorerst noch, aber doch schon auf dem Weg und dadurch wegbereitend. – Das Buch einer Frau:

Maria Mathi: Wenn nur der Sperber nicht kommt. Roman. 302 S., 10,80 DM, Bertelsmann, Gütersloh,

ist eines der Bücher, die hier genannt zu werden verdienen. Es ist besonders sympathisch obendrein, weil es mit Takt und Talent dem jüdischen Schicksal in jenen Jahren nachspürt. Wahrhaftig kein leichtes Unterfangen angesichts des unvorstellbaren Maßes der Schrecken, der Leiden und der Schuld! Aber der fast siebzigjährigen Autorin, die bisher erst mit einigen wenigen Publikationen hervorgetreten ist, gelingt immerhin weit mehr als eine Klage oder eine Anklage; es gelingt ihr, Menschen sichtbar zu machen, jüdische Menschen, eingestreut und eingewachsen in ein deutsches Kleinstadtgebilde, aus dem diese Menschen in einer mörderischen Operation, deren selbstmörderischer Charakter jenen Heilpraktikern des "Dritten Reiches" allzu spät erst bewußt wurde, plötzlich herausgeschnitten werden. Mit Sorgfalt und Kenntnis zeichnet Maria Mathi das Leben im Städtchen, den Wechsel der Generationen aus der wilhelminischen Ära hinüber in die Republik und schließlich hinein in das Unheil. Viel Aufwand gilt dem Alltag der Leute, ihren kleinen, oft winzig kleinen Sorgen, ihren Interessen, ihren Vergnügungen. Um so dunkler hebt sich von diesem lieblichen Hintergrunde das Grauen ab, wirksamer auch als die für uns abstrakte Zahl von sechs Millionen Ermordeten. Denn die Mitglieder der paar jüdischen Familien, von denen hier erzählt wird, sind konkrete Menschen, sind Menschen mit Herkunft, Namen und Gesicht – keine Zahlen.

Vielleicht wäre die Erschütterung, die von der Lektüre ausgeht, noch gewaltiger, wenn die Autorin sich auf noch weniger Personen und auf einen noch knapperen Zeitraum beschränkt hätte; vielleicht mit noch mehr Konzentration auf Siegfried Güldenstein, die Hauptperson, und auf dessen Schicksal bis in die feineren Verästelungen. Indessen, diese fragenden Einwände zählen wenig, gemessen daran, daß hier ein Akt jener inneren Wiedergutmachung gesetzt wurde, ohne die wir, die zufällig Überlebenden, keinen inneren Frieden finden können. Herbert Eisenreich