s.u., Oldenburg

Sechs Meter pro Arbeitstag wächst zwischen Hunte und Weser ein stählernes Ungetüm in den nordwestdeutschen Himmel, das wie ein auf die Spitze gestellter Bleistift aussieht. Auf einen Fuß von nur 30 Zentimeter Durchmesser, der sich auf einen übermannshohen Betonklotz stützt, wird hier der neue Fernsehmast des NWDR montiert. Er wird mit 295 Meter Höhe das höchste Bauwerk Deutschlands und einer der höchsten Rohrmaste der Welt überhaupt sein. Der in der ganzen Länge gleichbleibende Durchmesser beträgt zwei Meter.

Mit vier Millionen D-Mark sind die Gesamtkosten der neuen Sendeanlage auf der Wiese von Steinkimmen – so heißt das nahe gelegene Dorf – veranschlagt. Neben dem gigantischen Mast müssen noch ein Transformatorenhaus, ein Maschinenhaus und das Sendegebäude errichtet werden. Der Zweck dieses kostspieligen Unternehmens ist, den Fernsehkunden von Aurich bis Verden und von Bremerhaven bis Diepholz ein schärferes Bild auf den Leuchtschirm zu zaubern, als es der "Umsetzer" vermag, der für Radio Bremen vorläufig noch das Fernsehprogramm auffängt und verstärkt wieder ausstrahlt. Seine Leistungen sind technisch unvollkommen. Die Plattform des stählernen Mastes wird noch einen dreißig Meter hohen Gittermast mit den Dipolen des UKW-Senders Nord aufnehmen. Der abgelegene Standort der neuen Anlage wurde davon bestimmt, daß der wolkenkratzende Mast außerhalb der Einflugschneisen der Flughäfen von Bremen, Oldenburg und Ahlhorn stehen muß.

Bis die vier Monteure zu der Höhe von 30 Metern gelangen, müssen sie insgesamt 40 000 Schrauben befestigen. Sie arbeiten sich von innen hoch, gleichzeitig Stück für Stück einen Aufzug für sich und das Material einbauend. Seitdem die verwegenen Gesellen vor mehreren Tagen die 25-Meter-Grenze überkletterten, erhalten sie eine Gefahrenzulage. Bei Brückenbauten und Montagen von Hallen haben sie bewiesen, daß sie Schwindelfrei, sind, aber sie geben zu, daß sie noch nie über die Wolkengrenze hinausgekommen sind, die während der Wintermonate im norddeutschen Tiefland manchmal erstaunlich niedrig ist. Womöglich arbeiten sie bei Vollendung des Mastes im Sonnenschein, während die Menschen auf der Erde über das Nieselwetter schimpfen.