Von Kyra Stromberg

Düsseldorf, im Oktober

Polymere’? Nun ja, man könnte so gut von diesen wie von den vielbegabten ‚Monomeren‘ sprechen. Der Kunststoff? Aber ich bitte Sie – es gibt Hunderte von sogenannten ‚Kunststoffen‘." Und mit einem nachsichtigen Augurenlächeln ziehen sich die modernen Hexenmeister der Makromoleküle in ihre Sonderwelt zurück – diese sonderbare Sonderwelt, die für den konsumierenden Laien hinter Hunderten von phantastisch klingenden und vorstellungsarmen Markennamen verborgen bleibt. Namen sind Schaum und Folie in diesem Falle. Sie rühren zu einem Teil von chemischen Anklängen her, auch wohl von zaghaften oder deutlicheren Hinweisen auf die besonderen Gebrauchsqualitäten eines Stoffes, der heute ein meist reines, das heißt ,vollsynthetisches‘ Retortengeschöpf ist und nicht mehr nur wie am Anfang umgewandelter oder "veredelter" Naturstoff. Der Konsument aber – der Benutzer und Verbraucher – fragt zunächst nicht nach Namen und Herkunft des Stoffes, aus dem ein Ding gemacht ist – er will das Greif- und Begreifbare, das er mit seinen Sinnen und Erfahrungen nachprüfen kann und – siehe da! – ihm bietet sich eine eigene Welt aus Kunststoff an!

Sie präsentierte sich jüngst auf der Kunststoffmesse in Düsseldorf weitaus umfänglicher und vollständiger, als es sich der "Normalverbraucher" in seinem Laienverstande träumen ließ. Da erfuhr er staunend, wie weit sich der Kunststoff der Technik bemächtigte. Das Radio, das Telephon – weiß, silbergrau, in traditionellem Schwarz oder flammend rot – das Steuer seines Wagens, wenn nicht gar die Karosserie – sind aus Kunststoff. Von den verborgenen technischen Bestandteilen der Dinge, mit denen er alltäglich umgeht, oder gar der Maschinen, die ihm diese Dinge herstellen, ganz zu schweigen. Aber der Kunststoff drang auch in übersehbare Bezirke vor, er gab den Dingen der täglichen Reinlichkeit – vom Zahnputzbecher bis zum Staubsauger – ein neues und schmuckes Ansehen, er bemächtigte sich der Küchenregion und der Umwelt des Kleinkindes. Er beginnt in die private, die Wohnsphäre einzudringen. Man kann es den Kunststofferzeugern und -verarbeitern und deren künstlerischen Beratern danken, daß es mit Vorsicht geschieht.

Es ist eine farbenfrohe und optimistische Welt, die sich vor dem Verbraucher ausbreitet, eine abwaschbare und hygienische, eine leichte und bewegliche, eine ‚verrottungsfeste‘ – dies der Fachausdruck – dauerhafte und alterslose Welt. Eine Welt, die die rückhaltlose Billigung der Jüngeren findet und bei den Älteren ein schwer bestimmbares Unbehagen auslöst. Die Billigung, so darf man annehmen, ist das normale Verhältnis zur Umwelt, in die man hineingeboren wird. Es wäre absurd, zu erwarten, daß heute Zehnjährige Bedenken gegen das Fernsehen haben oder sich überhaupt Gedanken über das Wesen der Technik machen.

Woher aber rührt neben der Erleichterung über so viel augenfällige Gebrauchsfixigkeit der synthetischen Erzeugnisse jenes Unbehagen bei den Älteren? Ist es bare Rückständigkeit? Ist man in unserem besonderen deutschen Falk durch die minderwertigen Substitute der Kriegs- und Nachkriegszeit gegen den Kunststoff verstimmt? Kommt es vielleicht daher, daß die Umwelt dieser ,Älteren‘ – (einer Altersklasse, die etwa mit denen beginnt, die der Geburt des Kunststoffs mit vollem Bewußtsein beigewohnt haben) – aus anderen Stoffen hergestellt, von ihnen bestimmt und geprägt war? Daß ihre Blicke und Hände meist über Holz und Metalle, über Seide und Leinen, über Leder und Fell glitten – also über ‚Naturstoffe‘? Und daß ihre Phantasie von dieser sinnlichen Wahrnehmung durch Auge, Tastvermögen und Geruch in Bewegung gesetzt wurde? Ein Tiger – oder Eisbärfell – ich plädiere nicht dafür, daß es sich wieder vor dem ,Diplomatenschreibtisch‘ des Hausherrn ausbreiten möge –, eine Eichentruhe, eine hölzerne Tischplatte, eine Ledertasche, ein Zinnkrug, ein Messingleuchter, sie erregen – neben ihrem schlichten Nutzwert – Vorstellungen. Sie lassen Assoziationen einer lebendigen Welt zu – Assoziationen von Busch und Wald, von gefährlichem Raubtier und sanftäugigen Antilopen. Das Mollige der Wolle bringt Schafe in Erinnerung. Und selbst, wenn sich die Vorstellung nicht zu einem solchen. Bild verdichtet, ist sie im sinnlichen Reiz der natürlichen Stoffe enthalten.

Die Kunststoffe haben trotz ihrer phantasievollen Namen eine solche unmittelbare Wirkung auf die Phantasie nicht. Sie üben keinen sinnlichen Reiz aus, außer dem optischen. Und so ist das Dekorative ihr stärkster Effekt. Der Geruchssinn geht – bestenfalls – leer aus. Der Tastsinn fühlt sich enttäuscht, erkältet. Kaum jemanden kann es verlocken, seine Wange auf ein kunststoffbezogenes Kissen zu legen. Hinter der einleuchtenden und heiteren Zweckdienlichkeit hört die Vorstellung auf – oder gerät ins Unwegsame chemischer Formeln.