Die vollkommene und oft ästhetisch befriedigende Weise, in der ,Kunststoff‘ – man erlaube mir diesen unfachmännischen Sammelbegriff – die Funktion eines Gegenstandes ausprägt, könnte aus ihm einen ausgezeichneten und strengen Erzieher zur klaren Form machen. Die Form ist hier das Entscheidende. Die Form, die aus einem unindividuellen, sich immer gleichbleibenden Material abgeleitet wird. Die Grundform, der Entwurf, die Erfindung, nach der Tausende von Gegenständen genau gleich reproduziert werden können. Dieser besondere Weg des Kunststoffs – vom Erfinder über den Kopf des Entwerfers und die Präzisionsmaschine – zur Form wurde in der Düsseldorfer Lehrschau verdunkelt durch den Begriff .handwerkliche Verarbeitung’ – ein Begriff, von dem wir uns offenbar ungern trennen. Saubere, fast geräuschlose Maschinen, durch einen leichten Hebeldruck bedient, schneiden und stanzen, schweißen und kleben hier, aus farbigen Folien, hübsche und nützliche Gegenstände, wie Aktenmappen, Photoalben, Notizbücher. Die Unmittelbarkeit handwerklichen Umgangs mit dem Material ist in diesen fast unsichtbaren Vorgängen aufgehoben. Womöglich noch deutlicher und konsequenter als in den Industrien, die einen traditionellen Naturstoff – etwa Holz – verarbeiten. Und es scheint an der Zeit, allen Reminiszenzen an das Handwerk zu entsagen.

Bisher haben sich die Kunststoffe vor allem in den praktischen Lebensbezirken durchgesetzt – also in der Küchen-, der Badezimmerregion und im Garten, oder aber in der öffentlichen Sphäre der Arbeit (in Büros, Kliniken, Laboratorien, Frisiersalons, Lebensmittelgeschäften) und einer allgemeinen Geselligkeit – in Hotels und Bars also, in Cafés und Kinos. In einem interessanten und gelungenen Experiment dienten Kunststoff vorhänge als Folie für die Schaustellung moderner Kunst (Constructa). Da, wo sie in den immer noch intimsten Lebensbezirk, die Wohnung, eindringen, – als Vorhänge, Bezugsstoffe oder Wandbekleidung – tragen sie eine neue Stimmung hinein – eben eine kühle, bunte, hygienische, alterslose. Sie laden nicht zu Nachdenklichkeit und Ruhe, schon gar nicht zu Traum und Rausch ein – sie fordern auf zu rascher, zweckmäßiger und möglichst spurloser Benutzung.

Viele hervorstechende Eigenschaften der Kunststoffe entsprechen auf eine so verblüffende Weise gewissen Tendenzen unseres Zeitalters, daß man ihren enthusiastischen Erzeugern ohne weiteres glauben möchte, wenn sie behaupten, daß die Zukunft ihnen gehört. Sie kommen dem Bedürfnis nach Beweglichkeit und Wachheit, um nicht zu sagen Nüchternheit entgegen (wie der Sieg der Coca Cola über den Wein), sie erfüllen den Wunsch nach Rationalisierung, nach Bequemlichkeit im Sinne der Zeitersparnis (angeblich zum Gewinn von Muße), sie helfen, gegen elementare Gefahren zu isolieren (ein Motorboot aus Kunststoff kann nicht sinken), sie stillen in gewisser Weise die Sehnsucht der Zeitgenossen nach dem "ever-glaze", nach ewiger Jugend, nach – mindestens – kosmetischer Unsterblichkeit, sie gehören zu der Vorstellung von Leben und Tod, die bei der künstlichen Zeugung beginnt und beim ansprechend mumifizierten Sex-Appeal auf den Friedhöfen Hollywoods endet.

Sie sind unerschöpflich und zudem billig. Billiger jedenfalls, als die Naturstoffe, deren Vorrat menschlicher Raubbau nahezu aufgezehrt hat. Was könnte sich einer Menschheit, die ständig und ins Unabsehbare wächst und wachsende Ansprüche an den Lebenskomfort stellt, besser empfehlen, als ein Stoff, der verläßlich, in beliebiger Menge hergestellt werden kann und der zu gewissen Eigenschaften der Naturstoffe noch die überlegene der Dauerhaftigkeit hinzufügt? Etwa so sagte es ein Slogan auf der Kunststoffschau: "Elefant und Büffel liefern seit Jahrtausenden dem Menschen edle, doch vergängliche Naturstoffe. Elfenbein vergilbt, Büffelhorn blättert auf. Die Chemie schafft Dauerhafteres." Die Dauerhaftigkeit geht manchmal sogar über das Erforderliche hinaus. Und so hieß es an anderer Stelle: "Die Festigkeit der Nahstellen von Schaumstoffen ist so gut, daß sie die des Schaums übertrifft." Hier wäre ein Schritt ins Absurde getan.

Die wirtschaftliche Überlegenheit der Kunststoffe läßt sich aus Produktions- und Exportzahlen ablesen. Man wird sich wohl demnächst hüten müssen, die Vorzüge so weit zu treiben, daß sie den Absatz und damit die Produktion gefährden. Fürs erste aber sind, abgesehen von unserem eigenen Bedarf, noch die Kontinente aufnahmebereit, die jetzt mit aller Gewalt den Anschluß an die westliche Zivilisation suchen. Die östlichen Basare füllen heute schon (nicht immer erstklassige) Kunststoffprodukte. Ihr Reiz für den afrikanischen oder orientalischen Käufer mag auch darin liegen, daß diese Dinge ihre Funktion und ihre Vorzüge so leichtverständlich ausdrücken. Sie werden rascher akzeptiert als Dinge, die von dem fremden Lebensstil, einer fremden Kultur geprägt wurden. Und sie sind allemal besser als Chippendale oder andere Stilübel in einem Araberdorf.

Der Wunsch, nicht an seiner Zeit vorbeizuleben, sich mit einer Epoche zu identifizieren, also "modern" zu sein, ist ein redlicher Wunsch. Der Zwang der Verhältnisse kann ihn fördern, ja, vielleicht sogar selbstverständlich machen. Woher aber kommt der plötzliche Rückfall in Biedermeier und Jugendstil, die Sehnsucht nach dem fin de siècle, die heimliche "Kitschecke", bei sehr entschieden modernen Menschen die zärtliche Liebe zu einem abgenutzten alten Stück – einem Stück aus "Naturstoff?"

Vielleicht kann der Mensch, der selbst vergänglich ist und der dies trotz aller Täuschungen weiß, die blanke Dauerhaftigkeit, das "Unvergängliche" der neuen Stoffe nicht immer ertragen. Vielleicht möchte er den lebendigen Ablauf der Tage, die Lebensspuren und das Altern auch an den Dingen – wenigstens an einigen Dingen – sehen, mit denen er umgeht. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß die synthetischen Stoffe in tadelloser Form unsere ganze Gebrauchswelt erobern, und daß die Naturstoffe zum Reservat der Kunst werden und damit ein Reservoir des Schöpferischen gegenüber der Fabrikation bleiben. Es wäre uns zu wünschen.