Versuch über eine Weltstadt zu berichten, die sich jedem Bericht entzieht

Von Bruno E. Werner

Es sind die Gemeinplätze, die Nachdenkende oft veranlassen, sich im Gewirr abwegiger Gassen zu verlieren, statt jenen unbeachteten und überraschenden Perspektiven zu folgen, die sich von solchen Plätzen zuweilen erschließen. Der Satz "New York ist nicht Amerika", den jeder Besucher der Vereinigten Staaten immer wieder zu hören bekommt, erweist seine Gültigkeit in einem ganz anderen Sinne, als etwa jene Behauptung, daß Berlin nicht Deutschland, Rom nicht Italien oder gar Paris nicht Frankreich sei. New York ist nicht nur deshalb "nicht Amerika", weil sich hier wie in den anderen Großstädten eine zivilisatorisch hochgezüchtete, urbane Menschenart entwickelt hat, die entwicklungsgeschichtlich ganz andere Bahnen durchschreitet, als etwa der Cowboy von Texas, der Farmer in Oklahoma, der Kohlenarbeiter in Pittsburgh, der Ranchbesitzer in New Mexiko oder der Kellner in New Orleans – sondern aus einem anderen Grunde,

Von jenem großen Schmelztiegel, als den man die Vereinigten Staaten immer bezeichnet, ist New York gewissermaßen das Sieb an der Eingußstelle. Mehr als die Hälfte der hier Lebenden sind außerhalb Amerikas geboren oder haben ausländische Eltern. Die meisten stehen noch vor dem eigentlichen Einschmelzungsprozeß, sie sind noch mit einem halben oder einem vierte! Herzen, zuweilen aber auch mit rückwärts gewandtem Blick ganzen Herzens Italiener oder Iren, Deutsche oder Spanier, und viele von ihnen leben in Gemeinschaften, die sich über Stadtteile erstrecken, so daß es bekanntlich italienische Viertel, mittelamerikanische, polnische gibt oder jüdische Städte, Chinatown, das deutsche Yorkville und die größte Negerstadt der Welt, Harlem. Manche verfügen über mehr Einwohner, als die Kapitalen ihrer Herkunftsländer.

Dies alles ist viel beschrieben worden. Aber häufig wird vergessen, daß sich auch in dieser Eingußstelle ein eigener Prozeß vollzieht. Er erinnert zuweilen an Bleigießen zu Silvester. Etwa wenn ein blanker Zinnreiter auf dem heißen Tiegel plötzlich rückwärts sinkt, wobei er noch in guter Haltung seine Lanze trägt, ohne zu merken, daß der Hinterleib des Pferdes bereits ein spiegelnder See ist, und daß sich auch seine Kürassierstiefel in der blanken Flüssigkeit aufgelöst haben. Es entstehen in diesem Eingußsieb eigentümliche Phänomene, die eben zu New York gehören, und der Mann aus Europa, der etwa einem alten Freund begegnet, darf nicht vergessen, daß dieser gleich jenem wackeren Zinnsoldaten in einem Prozeß begriffen ist, den er herbeiwünscht, aber den er zugleich oft schmerzhaft verspürt.

So entwickelt sich in New York ein eigener "verwegener" Menschenschlag, wie Goethe einst die Berliner apostrophierte, ein beherzter, tapferer Typ, der die wache, elastische Härte des Zivilisationsmenschen mit handfesten Pionierzügen vereint und der in diese Stadtlandschaft noch seine eigene Farbe durch das Kolorit seines Herkunftslandes hineinträgt.

Dies gibt der Stadt ihre beängstigenden und ihre liebenswerten Züge, und wer mit einem New Yorker spricht, wird erfahren, daß die letzteren für ihn überragend im Vordergrund stehen. Denn New York, von dem ein kluger Beobachter sagte, daß hier "alle fremd oder alle zu Hause" sind, eröffnet jedem sein eigenes Gesicht, geschichtslos wie eine Landschaft, naturfern wie eine Sammlung geschliffener Steine, und daher jedem Großstädter rasch vertraut, als habe er diese Stadt schon einmal im Traum erlebt.