Seit dem Beginn des zweiten Weltkrieges haben sich die südamerikanischen Länder wirtschaftlich, politisch und in ihrer Bevölkerungsstruktur grundsätzlich verändert. Textilwerke, Konservenfabriken, Förderanlagen, Schiffswerften und Chemiewerke wuchsen in wenigen Jahren aus dem Boden. So bedeutsam diese wirtschaftlichen Veränderungen für Südamerika und alle Industrieländer sein mögen, bedeutsamer ist, daß die südamerikanischen Völker ihre Geisteshaltung wesentlich verändert haben.

Zwar hatten die Auswirkungen der napoleonischen Kriege den Südamerikanern die staatliche Unabhängigkeit vom spanischen Kolonialimperium gebracht, aber erst durch die zwei Weltkriege, in denen sich die europäischen Industrienationen um ihre Vormachtstellung brachten, waren sie zum Bewußtsein ihrer geistigen und kulturellen Eigenständigkeit gelangt.

Der brasilianische Präsident Vargas gab das Signal für die anderen südamerikanischen Nationen, als er 1941 England den Vertrag kündigte, der Brasilien fast hundert Jahre gezwungen hatte, seine enormen Bodenschätze an Eisen und Kohle unausgebeutet zu lassen und englisches Eisen und Kohle zu kaufen. Die nordamerikanischen Unternehmer waren die ersten, die diese Veränderungen in der südamerikanischen Geisteshaltung erkannten, und – da die USA sich einige Jahre aus dem Weltkrieg herauszuhalten wußten – sie waren die ersten, die Brasilien Bohrmaschinen, Förderanlagen und Werkzeugmaschinen liefern konnten. Durch diese amerikanischen Lieferungen konnte die erste Kohle- und Eisenproduktion auf südamerikanischem Boden schon zu Beginn des zweiten Krieges anlaufen. Die nordamerikanische Industrie lieferte, bis der Kriegseintritt der USA sie zwang, ihre industrielle Erzeugung auf die Rüstungsproduktion umzustellen.

Nach 1942 konnten die südamerikanischen Staaten kaum mit nennenswerten Importen rechnen. Trotzdem gelang es ihnen – dank der 300 000 vertriebenen europäischen Juden, die Fachkräfte und Organisationsexperten stellten –, überall Leichtindustrien aufzubauen, so daß Brasilien, das einst vom englischen Textilimport abhängig war, am Ende des Krieges Textilexporteur wurde und alle südamerikanischen Nachbarn belieferte. Sao Paulo wurde zum ersten Industriezentrum Südamerikas und wuchs von 800 000 auf 1,8 Millionen Einwohner und Buenos Aires von drei auf vier Millionen Bewohner. Nach dem Kriege waren es dann die neutralen Länder (vor allem Schweden und die Schweiz), die den warenhungrigen südamerikanischen Staaten die ersten Industriewaren anbieten konnten. Bald darauf brachen die USA, Belgien und Italien in die Absatzmärkte ein, die einst vorwiegend von deutschen Firmen beliefert worden waren. Nach der ersten Marktsättigung mit Verbrauchsgütern zeigte sich aber, daß die südamerikanische Wirtschaftsstruktur sich verändert hatte.

Die südamerikanischen Völker, die fast zehn Jahrelang ohne Industrieimporte auskommen mußten, waren gezwungen worden, sich auf ihre eigenen technischen Fähigkeiten zu besinnen. Der Drang nach Produktionswerkzeugen und eigenen Produktionsanlagen, die sie von zukünftigen Krisen, europäischen Kriegen und Spekulationen unabhängiger machen sollten, herrscht nunmehr vor. Vollständig ausgerüstete Fabriken mitsamt dem Fachpersonal übersiedelten in den Jahren 1947 bis 1950 aus Italien nach Argentinien, Chile und Brasilien. Frankreich errichtete in Uruguay, Argentinien und Chile Fischkonservenfabriken. Norwegen und Schweden lieferten Fischdampfer und Schiffswerften. Argentiniens Handelsmarine, die vor dem zweiten Weltkrieg unbedeutend war, wurde die zehntgrößte Flotte der Welt.

Die Tendenz der südamerikanischen Länder – wie aller ehemals kolonialen und halbkolonialen Überseestaaten – geht unzweifelhaft darauf hinaus, sich eine eigene Schwerindustrie aufzubauen. Deshalb ist es das Bestreben der derzeitigen südamerikanischen Regierungen – unabhängig von ihren politischen Formen –, den Import von Luxuswaren, Konsumgütern und Industrieerzeugnissen, die sie bereits selbst (wenn auch noch in ungenügender Qualität) herstellen, einzuschränken und den Import von Industrieanlagen stärker zu forcieren. Günter Berkhahn.