Von der Notsituation der ersten Nachkriegsjahre und ihrer Notwendigkeit, in der zerstörten Oper das Notwendige auf die knappste Weise zu sagen, zog Günther Rennert eine Verbindungslinie zu der neuerbauten Hamburgischen Staatsoper. Der Not zu gehorchen, ist während eines Jahrzehnts der Provisorien schließlich zum eigenen Trieb des Intendanten und des Regisseurs Rennert geworden. So sagte er einem von Festlichkeit und Namensglanz prangenden Premierenpublikum bei der Eröffnungsfeier sachlich, fast streng: "Trotz des wachsenden Anspruchs auf Festlichkeit sitzen wir nicht in einem restaurierten, sondern in einem Zweckbau." Rennert pries den Mut der Hansestadt, daß sie vom Theater nichts anderes als eine künstlerische Stellungnahme zur eigenen Zeit verlangt habe. Diesen Mut hatte der von Parlamentsschwankungen unabhängige Bauherr, eine Stiftung; ihn hatte auch der Architekt Gerhard Weber.

Sein Neubau auf alten Fundamenten ist für viele, denen Oper als eine Kunst des 19. Jahrhunderts gilt, ein Stein des Anstoßes. Umriß und Fassade, eingezwängt in eine Häuserreihe und ohne die Möglichkeit zur raumbildenden Ausstrahlung, bleiben eine Notlösung. Was hätte ein Theaterbau heute zu repräsentieren? Rennert weiß: "Trotz äußerer Blüte sind die geistigen Probleme unserer Zeit nicht gelöst." Deshalb suchten Intendant und Architekt nicht Repräsentation an sich, sondern "wirkungsvolle Darstellung dessen, was wir als Sinn und Aufgabe des Lebens erkennen möchten". Dazu gehört auch im nachbürgerlichen Zeitalter "die Aussageform der Oper als Gleichnis", als ein Ort, an dem "die Grundsituation des Menschlichen" dargestellt wird.

Die neue Hamburgische Staatsoper ist ein ehrlicher. Bau. Anstatt den zahllosen "Tempeln" für die Musen eine neue Variante hinzuzufügen, hat Gerhard Weber legitime Bauformen unseres Massenzeitalters und dessen Baumaterialien ins Festliche zu erhöhen versucht. Dabei ermöglichte ihm die moderne Statik hohe, von Säulen unbehinderte Raumweite im Zuschauerhaus. Es verbindet das Prinzip eines steil ansteigenden Amphitheaters mit dem vertikalen Aufbau von vier Rängen. Sie sind nicht nach überholten, gesellschaftlichen Gesichtspunkten, sondern optisch, d. h. auf gute Sicht hin, angeordnet. So entstanden als meist diskutierter "Stein des Anstoßes" die "Logen" der Seitenränge. Mit dem Gesicht zur Bühne hängen sie als Betonschiffe an schräg gestellten Tragesäulen frei im schwindelerregend hohen Hause. Sie sind ein origineller, doch nicht der wesentlichste Bestandteil des vielseitigen Baukörpers. Im ganzen imponiert er durch seine architektonische Gebundenheit an die funktionale Eigenart jedes Theaters. Die steil abfallende Decke ist lamellenartig nach dem Prinzip der Bühnensoffitten angelegt. Das ermöglicht eine fast unsichtbare, doch intensive Beleuchtung des Zuschauerraums. Ein strenger, achtungheischender Geschmack kontrastierte zu dem tragenden Grau des Bodenbelags das Rot der Sesselreihen und die dunkelbraune, warme Wandbekleidung. In mehreren Terrassen öffnen sich Wandelgänge und Erfrischungsräume zur Außenfront des Theaters- Je länger man in der neuen Hamburgischen Staatsoper verweilt, um so mehr wird man von der konstruktiven Konsequenz der Architektur gefesselt, die ein neues Theater als ehrlichen Ausdruck unserer gärenden Zeit errichtet hat. Es faßt 1650 Zuschauer.

Der Regisseur Rennert blieb sich selber treu, als er die Eröffnungsinszenierung, Mozarts "Zauberflöte", nicht anders als zur Zeit der räumlichen Provisorien aus der szenischen Fortsetzung des Zuschauerraums entwickelte. Raumarchitektur und Kulissenbühne, atmosphärebildendes Licht und diskret markierende Prospekte verschmolzen zu einer Einheit, in der sogar der Vorhang des Guckkastentheaters, obwohl als Aktteilung vorhanden, mühelos überspielt wurde. Als kongeniale Partnerin Rennerts und seiner den Menschen als Symbol, doch nicht als Abstraktion einsetzenden Regie erwies sich die Bühnenbildnerin ha Maximowna. Musikalisch überzeugte die Mozart-Premiere, unter Leopold Ludwig als Singspiel musiziert, mit einem hauseigenen Ensemble vom hohen Stand der Hamburger Opernkultur – eine "Festaufführung" ohne erborgten Glanz.

Von Calderon bis Giraudoux

Karl Heinz Stroux, der erst zehn Tage vor Saisonbeginn seinen Spielplan bekanntgab, fühlt sich als neuer Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses auch zu literarischen Wagnissen berufen. Dazu gehören die Uraufführungen von Gerhart Hauptmanns "Magnus Garbe" und "Goldhaupt" von Paul Claudel. Unter den deutschen Erstaufführungen, die publizistisch Repräsentationswert haben, dürfte "Die Katze auf dem heißen Blechdach", durch Leo Mittler inszeniert, eine sichere Sache sein. Aber auch in dieser Rubrik sucht Stroux Randbezirke auf, die vorwiegend literarhistorisches Interesse beanspruchen. Nachdem Jean Giraudoux mir seinen eigentlichen Werken in Deutschland "durch", doch noch keineswegs vom deutschen Theater allgemein aufgenommen ist, bringt das Düsseldorfer Schauspielhaus Nachträge: "Supplement au voyage de Cook" und "Tessa".