Um Jahre früher, als ursprünglich zu erwarten war, ist die August Thyssen-Hütte AG, Duisburg-Hamborn, dividendenfähig geworden. Der Ablauf der letzten Monate seit Inbetriebnahme der bisher einzigen vollkontinuierlichen Breitbandstraße der Bundesrepublik hat dem Unternehmen eine so schnell steigende Ertragskraft gebracht, daß nicht nur an einen Abbau der Schulden und an eine Erhöhung der Selbstfinanzierungsquote innerhalb des Investitionsprogramms herangegangen werden konnte, sondern daß auch mit der Wiederaufnahme der Dividendenzahlung für das soeben begonnene Geschäftsjahr 1955/56 gerechnet werden kann. Diese günstige Situation wurde anläßlich der ersten Aktionärversammlung der Hütte seit Wiedergründung von der Verwaltung berichtet. AR-Vorsitzer Dr. Robert Pferdmenges glaubt, eine Dividende von mindestens 5 v. H. für 1955/56 versprechen zu können.

Die oHV genehmigte die Abschlüsse für 1952/53 und 1953/54 und den Antrag der Verwaltung, das AK bis zu 57,5 Mill. DM zu erhöhen. Der Betrag werde zum Erwerb der Aktienmehrheit der entflochtenen, aber schon früher zur Thyssen-Gruppe gehörenden Niederrheinischen Hütte AG verwandt. Mit der Hütte ist inzwischen ein Interessengemeinschaftsvertrag abgeschlossen worden, der eine Poolung der Gewinne, eine Absprache der Produktionsprogramme und der Investitionen sowie eine gewisse Zusammenarbeit vorsieht. Die Hohe Behörde ist um Genehmigung dieses IG-Vertrages gebeten worden.

Wenn das Ja aus Luxemburg vorliegt, wird die ATH mit einer weiteren AK-Erhöhung um etwa 85 Mill. DM an die Aktionäre herantreten. Diese Kapitalerhöhung soll im Verhältnis 2:1 zum Pari-Kurs – also überaus günstig – erfolgen. Der Zeitpunkt dürfte im ersten Quartal 1956 liegen. Die Erhöhung des AK wird der Durchführung der neuen Investitionsprogramme dienen, denn die Hütte muß ihre Rohstahlkapazität von jetzt 1,4 Mill. t im Jahr dem Bedarf ihrer Breitbandstraße (und dem hohen Bedarf des Marktes entsprechend) angleichen. Zugleich soll eine zweite Blockbrammenstraße gebaut werden.

Zur Sicherung ihrer Kohlenbasis hat die ATH zusammen mit der ebenfalls aus dem alten Stahlverein entflochtenen Gelsenkirchener Bergwerks AG nahezu sämtliche Aktien der Erin Bergbau AG erworben. Die Zusammenarbeit mit der GBAG erstrecke sich aber nur auf diese gemeinsame Beteiligung. Weitergehende Kombinationen, die teilweise zu hören seien, würden jeder Grundlage entbehren. Außerdem sei "weder jetzt noch künftig" eine engere Verbindung der ATH-Gruppe mit der ebenfalls früher zur Stahlvereins-Gruppe gehörenden Phoenix-Rheinrohr in Aussicht genommen. Diese Erklärung gab auf der oHV der Vorsitzer des Vorstandes, Bergassessor Hans-Günther Sohl, ab.

Er teilte weiterhin mit, daß das Unternehmen von 20 Mill. DM Monatsumsatz in 1952 53 auf 40 Mill. DM Monatsumsatz in 1954/55 und inzwischen auf 5 0 Mill. D M Monatsumsatz gestiegen sei. Die neuen Anlagen hätten zu einer Kostendegression und der verstärkte Verkauf von Breitband- und Profilstählen zu einer Einnahme- und Ertragsbesserung geführt. Ein neues Kaltwalzwerk soll Anfang 1956 in Betrieb genommen werden. Man stehe mitten in einer guten Stahlkonjunktur, die auch weiter so bleiben werde. Obwohl die Marktlage eine Preiserhöhung gestatten würde, würden die Eisen- und Stahlpreise stabil gehalten. Die Inlandversorgung an Walzmaterial erfolge zu rund einem Fünftel aus Importen, die wesentlich teurer als die deutschen Sortimente wären. Die Bundesrepublik habe nach wie vor die niedrigsten Eisen- und Stahlpreise innerhalb der Montan-Union und erst recht im Vergleich zu den Weltmarktpreisen. Die Rohstahlerzeugung habe erst einen Index von etwa 140. erreicht gegen 184 Durchschnitts-Index der Montan-Unionsländer ohne Westdeutschland. Stahlkonjunkturelle Befürchtungen wären daher nicht zu begründen. rlt.