Zunächst die Geschichte dieses Malers, weil man seine Bilder dann besser versteht und weil es obendrein eine sehr schöne Geschichte ist, eine Art Künstlerlegende aus unseren Tagen, mit märchenhaften Glücksfällen und ironischen Pointen und nicht ohne tiefere Bedeutung. – Bis 1937 lebte Werner Scholz in Berlin, er malte, stellte aus, hatte – vor 1933 – weithin beachtete Erfolge. Ein Ex-• pressionist der zweiten Generation, weniger leidenschaftlich, ohne das revolutionäre Pathos der ersten, aber stiller, skeptischer, ein Grübler mit dem Blick nach innen, dessen Palette die dunklen Töne, das Schwarz und das Grau bevorzugte. Dann ging er von Berlin nach Alpbach, einem Gebirgsdorf in Tirol. Politischer Druck, Kunstfeindlichkeit der damaligen Machthaber, aber auch das zwingende Bedürfnis nach Einsamkeit, nach Selbstbesinnung mögen diesen Entschluß veranlaßt haben, und viele seiner Altersgenossen haben sich damals ähnlich entschieden: Bargheer und Gilles gingen nach Ischia, Nesch und Nay nach Norwegen, Heldt versuchte es in Spanien.

Siebzehn Jahre lebte Werner Scholz in dieser erzwungenen und auch erwählten Klausur. Daß es kein Ort der dörflichen Idylle, sondern im genauen Wortsinn ein "Notquartier" war, zeigten die Bilder, die nach dem Kriege aus Alpbach in westdeutsche Galerien kamen: Bilder, die uralte Themen der Bibel, der Apokalypse und der griechischen Mythologie unter dem Eindruck der gegenwärtigen Not aktualisierten, klagende, anklagende Gestalten, Gesichte eines Mystikers, der in seinen Bildern das Rätsel der menschlichen Existenz zu deuten unternimmt. Und dieser Maler wird plötzlich durch einen Zufall, wie er sich eigentlich nur im Märchen (oder im Kino) ereignet, seiner Einsamkeit entrissen. Ein Großindustrieller, Alfred von Bohlen, ist auf ihn aufmerksam geworden, hat an seinen Bildern Geschmack gefunden und beauftragt ihn im Januar 1955, für den Pavillon der Firma Friedr. Krupp auf der Industriemesse zu Hannover ein Triptychon "aus der Welt des Stahls" zu malen. Scholz hat diesen Auftrag ohne Zögern angenommen, der seinem Wesen und seiner geistigen Herkunft so gar nicht entsprach (aber wahrscheinlich gilt gerade dem "gänzlich anderen" seine Sehnsucht und auch eine Bereitschaft des Künstlers), und er hat, nach seinen eigenen Worten, diesen Auftrag und die Beschäftigung mit der fremden Materie nicht als eine quälende Verlegenheit, sondern als psychische Befreiung empfunden. Wochenlang ist er durchs Ruhrgebiet gefahren, hat die Industrielandschaft der Hochöfen und Walzwerke, der Kräne, Bagger, Stanzpressen und Brücken in sich aufgenommen, skizziert und in Bilder umgesetzt. In der Villa Hügel wurde ihm das ehemalige Arbeitszimmer Alfred Krupps als Atelier eingerichtet. Die erste Ausstellung seiner neuen Industriebilder wurde im Folkwangmuseum Essen von Kultusminister Schütz eröffnet, der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer widmete den Bildern einen wichtigen Vortrag "Die Wahrheit der Kunst", der siebenundfünfzigjährige Maler ist über Nacht ins volle Licht der Öffentlichkeit gerückt. –

In diesen Wochen zeigt der Hamburger Kunstverein Ölbilder und Pastelle von Werner Scholz, die später in Leverkusen und Würzburg ausgestellt werden. Es sind Arbeiten aus den letzten sechs Jahren, und zum größeren Teil noch in Alpbach entstanden. Die alten mythologischen und biblischen Themen: ein "Saul" als Urbild bedrohter, gefährdeter Würde, wobei das menschliche Drama gleichsam von den Farben ausgetragen wird; das königliche Rot zerbröckelt, zerfasert unter dem Ansturm von Grün, Gelb, Grau und Schwarz. In der "Versuchung des heiligen Antonius" tritt das Dämonische, das im Hintergrund so vieler Bilder lauert, offen in Erscheinung, und es ist bemerkenswert, daß der versuchte, der heimgesuchte Mensch nicht den Kampf mit dem Dämon aufnimmt, sondern das Schreckliche über sich ergehen läßt. Selbst "Antigone", "Psyche", "Orpheus" bleiben dem Reich des Dämonischen verhaftet und manifestieren, trotz ihrer griechischen Namen, geradezu die unversöhnliche Kluft, die zwischen dem Klassischen und dem Expressiven sich auftut. Bei seinen – seltenen – Darstellungen heutiger Menschen opfert Scholz das Individuelle für eine zeitentrückende Sinnbildlichkeit. Er malt die "Witwe", den "Bischof", wobei wiederum das Repräsentative gänzlich zurücktritt: ein Priester im Zustand der Meditation, der tiefen Versunkenheit, und nur das feierliche Rot und das leuchtende Weiß der Gewänder sind die äußeren Attribute kirchlicher Würde.

Diesen Maler der Innerlichkeit und dämonischer Gesichte mit dem ganz anderen Thema der modernen Technik, der Industrie, der Welt des Stahls zu betrauen, war entschieden ein Wagnis – und für den Künstler eine Versuchung, sich selbst aufzugeben. Werner Scholz hat dieser Versuchung widerstanden. Das "Stahltriptychon" und die anderen Industriebilder wird man durchaus nicht als einen Bruch mit seiner Vergangenheit empfinden. Sie bestätigen vielmehr die alte mystische Wahrheit: "Die Seele verwandelt alles, was sie berührt, ins Seelische" ... So ungefähr verhält sich Scholz vor dem Phänomen der Technik: er gestaltet sie als ein seelisches Erlebnis, ohne nach dem praktischen Zweck dieser ihm rätselhaften technischen Gegenstände zu fragen. Eine "Stanzpresse" (das Mittelstück des Triptychons) verwandelt sich unter seinem Blick in den Chor einer gotischen Kathedrale. Brücken schwingen sich ohne Halt in der realen Welt durch kosmische Nebel, ein Schaufelbagger erscheint als ein rotierendes, rot-grünes Ungeheuer. Ihn fasziniert das Dynamische der Technik, das wilde, phantastische Spiel entfesselter Kräfte, wobei der Mensch weder als Herr noch als Diener der Technik in Erscheinung tritt. Ob der Maler mit diesem expressiven Ungestüm, das den Unterschied zwischen Natur und Menschenwerk, zwischen Landschaft und Industrie aufhebt, seinem Gegenstand wirklich gerecht wird, ist zweifelhaft. Die Schönheit technischer Formen liegt in ihrer Präzision, in ihrer klaren, sachlichen Bestimmtheit. Um sie darzustellen, müßte ein Maler vermutlich mit weniger Gefühl und größerer Nüchternheit zu Werke gehen. Er müßte präzise arbeiten – ohne daß diese Genauigkeit auf realistische Details angewiesen wäre, um das Wesen zu treffen.

Wahrscheinlich wird der Ausflug ins Ruhrgebiet, die Auseinandersetzung mit der Welt der Technik und auch das Atelier in der Villa Hügel nur eine Episode und nicht das letzte Kapitel in der Geschichte des Malers Werner Scholz bilden. g.s.