Mit der hier folgenden kritischen Betrachtung zu Wort und Wesen der Konvertibilität wird das Experiment gestartet, als neue Rubrik unseres Wirtschaftsteils "das Fachwort" zu behandeln: wobei freilich nicht so sehr an die lexigraphische Erläuterung von mehr oder minder geläufigen Spezialausdrücken des wirtschaftlichen Vokabulars gedacht ist, als vielmehr an ein Verdeutlichen der Probleme, die hinter jenen vielgebrauchten und mitunter recht abgeschliffenen Begriffen stehen. Der Leser möge Verständnis dafür haben, daß wir die neue Serie, die sagen soll, was mit einem bestimmten Begriff oder einer gebräuchlichen Formulierung "eigentlich gemeint ist" (oder gemeint sein kann ...), nicht mit dem Wort "Abschreibungen" beginnen, um sie dann bis zu den "Zuteilungsrechten" ablaufen zu lassen. Wenn wir mitten im Alphabet beginnen, um danach diesen Begriff und jenes Schlagwort vorzunehmen, wie sich’s gerade fügt, wird es, wenn die Sache einmal zum guten Ende gebracht ist, an einer gewissen schematischen Ordnung nicht fehlen. Vollständigkeit, aber kann ja bei einem solchen Wort-Stück-Werk ohnedies nicht versprochen oder auch nur angestrebt werden ...

Was ist eigentlich gemeint, wenn das Wort Konvertibilität gebraucht wird? Nun, die wörtliche Übersetzung macht ja keine Schwierigkeiten: Konvertierbarkeit ist der Zustand, bei dem die Währungen untereinander, für den Handel von Land zu Land, frei austauschbar sind. Und natürlich nicht nur für den Warenhandel "im engeren Sinne", sondern für alle ("legalen") geschäftlichen Transaktionen – mag es sich dabei um Dienstleistungen oder um den Kapitalverkehr von Land zu Land handeln. Das setzt voraus, daß der Kaufmann also nicht nur da kaufen und verkaufen kann, "wo er mag", d. h. wo es ihm am vorteilhaftesten erscheint – er muß auch die Freiheit haben, die Ware auf den Schiffen aller Nationen zu befördern (und frei vereinbaren zu können, in welcher Währung die Frachten bezahlt werden sollen); analog gilt, daß er die Freiheit haben muß, sein Gut da zu versichern, wo es ihm richtig erscheint (und die Versicherungsprämien in frei vereinbarter Währung zu zahlen). Er muß weiterhin die Freiheit haben, zu reisen, wohin er will, mit dem sicheren Gefühl, daß sein Reisegeld, das er in einheimischer Währung bereitgelegt hat, jederzeit und mit jedem erforderlichen Teilbetrag in die Währung eines jeden Landes, das er besuchen will, umgewechselt wird. Und schließlich darf es ihm ebensowenig verwehrt sein, Kredite im Auslande aufzunehmen, wie umgekehrt Kapital im Auslande anzulegen. Kurz und gut: die volle Konvertierbarkeit ist ein Zustand des "als ob" – als ob nämlich noch, wie vor 1914, "überall" die Goldwährung bestünde, (wobei die Währungen der wenigen unglücklichen Länder, die den Goldstandard nicht hatten aufrechterhalten können, so bewertet wurden, wie es dem jeweiligen Stand von Nachfrage und Angebot an den Devisenmärkten entsprach).

Seit Jahren ist überall zu hören und zu lesen, daß es ein vordringliches Ziel der bundesdeutschen Wirtschaftspolitik sei, die volle Konvertierbarkeit herzustellen. Für unsere DM-Währung ist man auch, dank der Maßnahmen der Zentralbank, unter kluger Ausnutzung der in den letzten Jahren gegebenen Chancen, dem Ziel – Schicht für Schritt, wobei es insbesondere darum ging, die Sperrmark, als eine "Zweitwährung" minderen Rechtes, zu beseitigen – näher gekommen. Wenn freilich das Bemühen des Bundeswirtschaftsministers, zur Konvertierbarkeit "durchzustoßen", so verstanden werden soll, als ob es dabei um die Herstellung der Freiaustauschbarkeit aller Währungen ginge, dann müssen wir ja wohl resignierend feststellen, daß wir uns damit ganz und gar übernommen haben. Ohne die Bereitschaft Belgiens und Hollands und (vor allem) Großbritanniens, nun ihrerseits den Zahlungsverkehr so "freizugeben", als ob allgemein der Goldwährungsstatus bestünde, kann die Bundesrepublik nicht von sich aus die Freiheit des Devisengeschäfts proklamieren, d. h. also den Warenhandel (abgesehen von Zollbelastungen und gesundheitspolizeilichen Vorschriften) völlig frei laufen lassen, und ebenso den Dienstleistungsverkehr wie auch den Kapitalverkehr. Es fehlt eben hierfür die Voraussetzung, daß die Währungen (gegen Gold oder) gegen den Dollar frei austauschbar "gehandelt" werden können – anders ausgedrückt: daß sich die intervalutarischen Kurse marktgerecht aus Angebot und Nachfrage bilden. Solange aber die großen Welthandelsländer, unter dem Patronat von Weltbank und Weltwährungsfonds, auf "Festkursen" für ihre Währungen bestehen und dazu (was ja nur die Kehrseite der Medaille ist...) auf dem System der Devisenbewirtschaftung, der Einfuhrrestriktionen, der Beschränkungen des Kapitalverkehrs und des Dienstleistungsverkehrs – solange liegt eben die "volle" Konvertibilität noch im weiten Felde. Sehr zu recht stellt die "Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen" in einer Rückschau auf die Konvertibilitätsdebatte der letzten beiden Jahre fest: man habe, unterwegs zu dem großen Ziele, offensichtlich den Mut verloren. Mit berechtigtem Sarkasmus fügt das Blatt hinzu:

"Ob der Grund hierfür darin zu suchen ist, daß man sich vor zwei Jahren noch nicht überall klar darüber war, was die Konvertibilität bedeutet – insbesondere: welche innerwirtschaftlichen Folgen sie haben könnte – oder ob man bis auf den heutigen Tag nicht recht begriffen hat, was überhaupt Konvertibilität ist: das kann offen bleiben."

Sicher ist jedenfalls soviel, daß häufig und gern angewandte Begriffe wie "Teilkonvertibilität" oder "eingeschränkte Konvertibilität" deutlich erkennen lassen, wie sehr über dem bloßen Wort der eigentliche Sinn in Vergessenheit geraten ist. Ein treffendes Beispiel dafür gibt die ebengenannte Zeitschrift, indem sie erläutert, was man in London unter commodity-convertibility versteht, nämlich eine Einrichtung,’ "deren Sinn es ist, trotz gebundener Währung den Bewohnern zu gestatten, gewisse Waren im Ausland mit konvertibler Valuta zu kaufen, aber nicht für den eigenen Landesgebrauch, sondern zur Wiederausfuhr, und nicht mehr unter der Bedingung, daß die Wiederausfuhr auch die aufgewendete konvertible Währung wieder einbringen müßte; wiederverkauft werden kann auch gegen eine nichtkonvertible Valuta oder gegen die Landeswährung, d. i. englische Pfunde. England hatte diese ,Warenkonvertibilität‘ schon 1953 für Kaffee, Kakao und Nichteisenmetalle erklärt; 1954 wurde sie auf Rohrzucker und Kopra erweitert. – Damit ist alles so klar und zugleich so kurz und knapp gesagt, wie nur möglich ... aber wie kompliziert ist eben doch der Sachverhalt! Und zudem: diese "Warenkonvertibilität" hat mit der "eigentlichen" Konvertierbarkeit, der Freiaustauschbarkeit der Währungen, ja nur ganz fernab einige Berührungspunkte; genau besehen, handelt es sich hier um ein Stück Währungs- und Warenhandelsdirigismus – also gerade um das, was durch die "volle" Konvertierbarkeit beseitigt werden sollte ... Dabei ist’s noch nicht einmal böser Wille, wenn der gute Begriff "Konvertibilität" derart für dirigistische Machinationen verfälscht und mißbraucht wird, denn tatsächlich bedeutet die britische commodityconvertibility ein Aufweichen, eine Milderung der vordem in Geltung gewesenen noch strengeren dirigistischen Ordnung...

Mißtrauen ist also immer am Platze, wenn irgendwo das Wort Konvertibilität gebraucht wird. Stets besteht der Verdacht, daß, wer es braucht, etwas ganz anderes meint: eine "eingeschränkte" Konvertibilität nämlich, die es (von der Logik her) gar nicht gibt – ebensowenig gibt, wie ein hölzernes Eisen. Oder aber: daß, wer es braucht, "bis auf den heutigen Tag nicht recht begriffen hat, was überhaupt eine Konvertibilität ist". E. T.