Von janko Musulin

Wien, im Oktober

Es ist merkwürdig", sagte mir der Betriebsführer eines der kleineren USIA-Werke in Niederösterreich: "Als die russischen Embleme niedergingen, jubelte die ganze Belegschaft, die Kommunisten nicht ausgenommen." – War es ehrlicher Jubel, oder verbarg sich dahinter ein Gefühl von Angst und das Bestreben, sich nicht abzusondern? Wer vermag es zu sagenl Auch die jüngsten Betriebswahlen in Niederösterreich und dem Burgenland, bei denen die Kommunisten bis zu 30 Prozent einbüßten – in der Maschinenfabrik Leobersdorf, die schon seit zehn Jahren zur USIA gehört, verlor die KP sogar 45 v. H. – geben keine ganz klare Antwort. Denn die Kommunisten in den USIA-Betrieben, wie etwa im Grünbacher Kohlenrevier, sind zwar zusammengeschmolzen, aber doch nicht so sehr, wie in jenen Betrieben, die schon bisher österreichisch waren. Andererseits tritt der Rückgang bei der USIA viel stärker in Erscheinung als bei den anderen Werken.

Rätselhaft wie der Aufstieg der sowjetischen Wirtschafts-Enklave in Mitteleuropa bleiben also auch viele Begleitumstände ihrer Liquidation. Es waren sehr hochgespannte Hoffnungen, die die russischen Machthaber seinerzeit mit der Beherrschung eines großen Teiles der Produktionskapazität der Alpenrepublik verbanden. Ein österreichischer Angestellter des riesigen Konzerns hat später erzählt, wie gespannt man anfangs in der Starhemberggasse – dort war, bis zur Übersiedlung in den Trattnerhof, das Hauptquartier der USIA – auf die erste Fühlungnahme mit dem Westkapital wartete. Als die Schweizer Großhändler dann kamen und durchaus bereit waren, in das ungeheure Schrottgeschäft einzusteigen, und als man sie wieder verabschiedet hatte, soll der Sowjetoberst seinen Kollegen die Bedeutung der Stunde mit einem Leninwort illustriert haben: "Wenn ich einen großen Dampfkessel brauche, weil ich damit die ganze kapitalistische Welt in die Luft sprengen will, so werden sich die Herren Kapitalisten untereinander raufen, wer mir diesen Kessel liefern darf." Hochgespannt also waren die Hoffnungen, aber sie haben sich nicht erfüllt, jedenfalls auf dem politischen Sektor nicht. Hat aber der Konzern nicht andererseits die kühnsten finanziellen Erwartungen noch übertroffen? USIA – das war nicht nur die österreichische Produktion, die Liegenschaften und Werte; das war auch der skrupellöse Handel über die Grenzen, das verstaatlichte und exterritorial abgeschirmte Spekulantentum, die virtuose Beherrschung der schwarzen und grauen Märkte für Lebensmittel, Metalle und andere Güter quer durch Europa.

Noch im Abtreten gelang es, einen großen Finanzcoup zu landen, würdig einer großen, wenn auch düsteren Vergangenheit: Die österreichische Regierungsdelegation hatte in Moskau die Zusicherung erhalten, daß die Betriebe "schuldenfrei" übergeben würden. Hätte man gewußt, wie dies gehandhabt werden sollte und wer als Großgläubiger und dritter Mann ins Spiel treten würde, man hätte billig auf diese Zusicherung verzichten können! Denn erst jetzt, im Augenblick der Übergabe, enthüllt sich die innere Finanzkonstruktion des Konzerns, die, für russische Begriffe wahrscheinlich nicht unnatürlich, doch den Eindruck erweckt’, für diesen letzten Augenblick der Übervorteilung entworfen worden zu sein.

Die USIA-Betriebe waren nämlich verpflichtet, ihre Geschäfte über die rote Militärbank abzuwickeln, die sofort Gewinn, Rücklage und Amortisationsquote einstrich, dafür allerdings Betriebskredite zur Verfügung stellte. Diese Betriebsmittel stehen jetzt als Schuld gegenüber der Militärbank zu Buch. Die Militärbank aber hält sich jetzt an dem Warenlager der Betriebe schadlos. Dazu kommt aber noch, daß die Sowjets erklären, gewisse zentrale Rohstoff- und Lagerbestände hätten nie der USIA gehört, seien vielmehr russisches Staatseigentum! Die Wiener Regierung muß also nicht allein die Betriebe mit Krediten ausrüsten; sie muß auch die Waren und Rohstofflager aufkaufen, denn ohne diese Vorräte können die Betriebe überhaupt nicht weiterlaufen. Noch ehe die Reparationsleistungen begonnen haben, hat es sich also notwendig erwiesen, 600 Millionen Schillinge auf den Tisch zu legen. Schätzt man das Geld, das die Russen noch besaßen und bei ihren Ausverkäufen erwarben, auf rund 400 Millionen, so kommt man zu dem Schluß, daß jeder zwölfte Schilling in Österreich in sowjetischer Hand ist.

War dies nicht vorauszusehen? Hat man es in Moskau an der nötigen Vorsicht fehlen lassen? Nun, hätte man damals jeden Aspekt und jede Möglichkeit geprüft, säße die Delegation noch heute in der Hauptstadt aller Reußen. Auch dann würde es sich wohl noch zeigen, daß, wenn ein sehr Großer mit einem sehr Kleinen Geschäfte macht, diese Geschäfte eine fatale Neigung zeigen, für den sehr Kleinen nicht eben vorteilhaft zu sein. Glücklicherweise hat man im Augenblick so viele Probleme zu lösen und soviel Mühe, die Betriebe, die man so teuer erworben hat, richtig in Schwung zu bringen, daß man vergißt, sich gegenseitig mit Vorwürfen zu bedenken, ja man macht sich nicht einmal viel Kopfzerbrechen darüber, was die Russen mit der einen Milliarde Schillingen anfangen werden, und was geschehen müßte, wenn sie sie plötzlich auf den freien Devisenmarkt werfen sollten.