St. v. S., London, im Oktober

Unter dem Gesichtspunkt, daß die von Lord Mountbatten, dem First Sea Lord und Chef der Admiralität, eröffnete Motor Show die 40. ihres Zeichens ist, hat sich die britische Industrie sehr angestrengt, dem britischen Publikum eine Reihe neuer Modelle und viele Verbesserungen zu bieten. Bemerkenswert ist, daß die neuen Typen nicht bisher schon gebaute Muster ersetzen, sondern als zusätzliche Modelle den ohnehin sehr großen Typenreichtum der britischen Industrie noch erweitern.

Unter den Neukonstruktionen befindet sich nicht eine einzige, die – in Großserie gebaut – der breiten Masse und ihrer Kaufkraft angepaßt wäre. Der billigste unter ihnen, der Morris "Isis’ (ein Sechszylinder von 2,6 Liter) kostet 845 £ (= 9800 DM). Und die Reihe setzt sich bis 2670 £ (= 31 000 DM) für den neuen Daimler "104" (Sechszylinder mit 3,5 Liter Hubraum) fort Dazwischen liegen im Preis zwei neue Modell (warum gleich zwei von ungefähr gleichem Hubraum?) bei Armstrong-Siddeley (ein Vierzylindertyp und ein Sechszylindermodell, beide mit 2,3 Liter Hubraum), ein neuer "kleiner" Jaguar von 2,4 Liter mit Sechszylindermaschine, und der "Rapier" von Sunbeam, ein Hochleistungsvierzylinder von 1,4 Liter und 62 PS.

Alle diese neuen Typen entsprechen in den großen Zügen dem englischen Konstruktionsstandard: obengesteuerter Motor, Synchrongetriebe eventuell mit Schnellgang, Kastenrahmen oder selbsttragender Aufbau, einzelgefederte Vorderräder und Starrachse hinten. In den Details weichen sie natürlich erheblich voneinander ab.

Die Verbesserungen an im Prinzip bekannten Modellen betreffen in erster Linie karosserietechnische Verfeinerungen, doch sind auch, wichtigere Einzelheiten zu finden, so die Servolenkung beim großen 3,4-Liter Armstrong-Siddeley, der Schnellgang beim Austin "A 90 Westminster", die Servo-Saugluftbremse beim Rover "90", ein sportlicher 1,5-Liter-Motor mit zwei obenliegenden Nockenwellen und 75 PS Leistung bei Singer und ähnliches.

Bemerkenswert ist das starke Vorwärtsdringen des Kombiwagens, der zum Beispiel neuerdings von Ford in den Typen "Escort" und "Squire" (beide mit dem seitengesteuerten 1172-ccm-Motor wie in unserem früheren "Taunus"), und zwar in den Preislagen zu 6800 und 7300 DM, geboten wird, dann aber auch in der neuen "Isis"-Reihe von Morris und bei Humber für den Typ "Hawk" zu finden ist. Spezialkarosseriewerke versehen sogar Bentley- und Rolls Royce-Fahrgestelle mit solchen Aufbauten (zu Preisen bis zu 80 000 DM), was schon beweist, daß der Kombiwagen, der hier auch als Estate car (Wagen für den Grundbesitzer) bezeichnet wird, eine völlig andere Rolle spielt als bei uns.

Die angegebenen Preise verstehen sich einschließlich der enorm hohen Purchase tax, die nicht nur Luxustypen trifft. So wird durch diese Steuer beispielsweise die von BMW gezeigte Isetta (und auch durch den Zoll) auf 4800 DM hinaufgeschraubt. Von den ausgestellten deutschen Wagen kostet das Exportmodell von VW hier schon 8100 DM, und die Preisleiter klettert – über die Typen von DKW, Borgward und Mercedes-Benz – bis auf 46 000 DM für den BMW-Sportzweisitzer und gar auf 51 000 DM für den 300 SL von Daimler-Benz. Womit, ohne viel Worte zu machen, bewiesen ist, daß deutsche Wagen in Großbritannien allenfalls von ausgesprochenen Liebhabern gekauft werden.