Anatolien, das heutige Staatsgebiet der Türkei, war während des zweiten vorchristlichen Jahrtausends unter zwei voneinander unabhängige Staaten aufgeteilt: Das Reich der Hittiter im Osten und das Arzawa-Reich im Westen. Die sich ständig erneuernden Kämpfe zwischen Hittitern und Arzawa machen einen Großteil der kleinasiatischen Geschichte des 2. Jahrtausends aus. Beide Reiche fanden im Völkersturm um 1200 v. Chr. den Untergang.

Die großen Städte des Hittiterreiches hat die Archäologie in den heute berühmten Ruinenfeldern von Alaca Höyük und Bogasköy, von Alisar und anderen wiedergefunden. Von Arzawa dagegen weiß man fast allein aus den hettitischen Quellen. Nicht einmal seine Staatsgrenzen oder die Lage der Hauptstadt Apasas kann man aus ihnen mit Sicherheit erschließen. Und doch müssen Arzawas Städte und Herrensitze, von deren Eroberung und Zerstörung die hittitischen Königsurkunden durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder berichten, irgendwo in Westanatolien gestanden haben – müssen ihre Ruinen irgendwo zu finden sein. Eine erste systematische Suche nach ihnen im mutmaßlichen Bereich des Arzawa-Reiches wurde vor zwei Jahren, 1953, von Archäologen des Britischen Institutes von Ankara aus durchgeführt. Man fand in den fruchtbaren Landschaften um Oberlauf und Quellgebiet des Mäander und in der Ebene von Tschivril neunzig größere und kleinere, in Gruppen über das Land verstreute Ruinenstätten in Gestalt von Hügeln aus dem Kulturschutt vergangener Siedlungen. Aus den Oberflächenfunden war zu ersehen, daß die meisten dieser Stadthügel nach etwa 1200 v. Chr. nicht mehr bewohnt gewesen waren, und daß es sich nicht um hittitische Ruinen handeln konnte. Damit war natürlich noch nicht erwiesen, daß man die Ruinen von Arzawa-Städten gefunden hatte. Man konnte es jedoch für möglich und wahrscheinlich halten; und in jedem Fall stand man vor einem Komplex von Ruinenstädten Westkleinasiens des 2. Jahrtausends, der bis dahin unbekannt und unerforscht war.

So entschloß sich Professor Garstang, der Präsident des Institutes, zur Ausgrabung des größten dieser Teils, des Beycesultan‚ beim modernen Dörfchen Mentesh. Sein Kulturschutt bedeckt ein Stadtgebiet von mehr als einem Kilometer Länge und türmt sich zu beiden Seiten einer alten Straße zu zwei Hügeln von etwa zwanzig Metern Höhe auf. An diesen beiden Stadthügeln wurde unter der Leitung von Seton Lloyd die Grabung angesetzt, deren zweite Saison im Juli dieses Jahres zu Ende ging.

Zwei Kampagnen sind für ein solches Grabungsunternehmen nur ein Anfang; es dürften noch viele weitere nötig sein, bevor der Beycesultan richtig erschlossen ist. Wenn wir hier trotzdem schon darüber berichten, so deshalb, weil sich aus dem bisher Erschlossenen sehr stark der Eindruck aufdrängt, daß im Beycesultan für Archäologie und Kulturgeschichte sehr wichtige und weittragende Entdeckungen unterwegs sind. Mehr als viele andere Ausgrabungen der letzten Jahre hat diese Beycesultan-Grabung heute schon das lebhafte Interesse einer großen Fachwelt auf sich gezogen.

Die Arzawa-Frage freilich ist nach wie vor ungelöst. In keiner der fünf bis jetzt erschlossenen Kulturgeschichten sowohl des Osthügels, der die Paläste enthält, wie des Westhügels mit den Stadtbezirken hat sich für sie ein entscheidender Anhalt gefunden. Wohl aber erschloß man in der obersten Schicht des Osthügels eine kleine Palaststadt aus den letzten Jahrzehnten des dreizehnten Jahrhunderts mit einem reichhaltigen Inventar an Keramik und Bronzen, aus dem der Sondercharakter dieser Kultur, welchem Volk sie auch angehören mag, deutlich faßbar wird. Dieses Serail, mit einem Herrenhaus in Megarongestalt, mit Wirtschaftsgebäuden und Pferdeställen sowie einer Reihe öffentlicher Gebäude, dürfte für die Archäologie der homerischen Zeit als Typus des kleinasiatischen Herrensitzes vor und während des Trojanischen Krieges von besonderer Bedeutung werden. Von dem gleichzeitigen Palast des Priamus in Troja ist nichts erhalten; seine Ruinen waren bei der Anlage des römischen Tempels entfernt worden.

In eine gänzlich andere und sehr unerwartete Richtung führt der Ausgrabungsbefund in der fünften Schicht des Beycesultan. In ihr liegt im Osthügel und tief unter dem Herrensitz der Priamuszeit die ausgebrannte Ruine eines sehr großen Palastes, von dem bis heute Teile eines zentralen Hofes und fünfundzwanzig Räume des anschließenden Ostflügels freigelegt sind. In dieser ganzen Anlage fanden sich keine zeitlich bestimmbaren Kleinfunde, auch nichts von Schriftdokumenten. An einem besser erhaltenen, gleichzeitigen Bau im Westhügel, der wie der "Alte Palast" in einem schweren Fachwerk aus Balkenrosten und Lehmziegeln gebaut ist, läßt sich jedoch erschließen, daß dieser "Alte Palast" eine frühbronzezeitliche Anlage des neunzehnten vorchristlichen Jahrhunderts ist. Ob es sich um einen Arzawa-Bau handelt, bleibt noch völlig ungewiß. Der indogermanische Völkerverband der Luvier, aus dem die historischen Arzawa hervorgingen, war wahrscheinlich – ebenso wie die Hittiter – erst kurz vor dieser Zeit nach Kleinasien gekommen.

Aber so problematisch auch dieser Zusammenhang vorerst ist, – aus Anatolien ist keine weder zeitlich noch typologisch mit dem "Alten Palast" vergleichbare Anlage bekannt; die älteren Bauten der zweiten Burg von Troja sind einfache Megara – so offensichtlich und unerwartet, wenn auch ebenfalls historisch noch nicht erklärbar, ist ein anderer Zusammenhang: Der Beycesultan mit diesem, frühbronzezeitlichen "Alten Palast" des neunzehnten vorchristlichen Jahrhunderts liegt etwa 200 km landeinwärts von der Mündung des Mäander. Und von der Küste etwa 300 km über See nach Westen liegt Kreta. Die berühmte minoische Kultur der Insel, die in ihrer typischen Ausprägung etwa um 1800 v. Chr. entsetzt, gilt den einen als die erste Hochblüte europäischer Frühzeit, den anderen als eine eigenartige, insulare Hochblüte vorderasiatischer Kultur vor den Küsten Europas, obwohl bisher weder auf dem europäischen noch dem asiatischen Festland Voraussetzungen oder Entsprechungen bekannt gewesen waren. Nur an dem vor zehn Jahren von Wooley entdeckten Yarim-lim-Palast von Alalakh in Nordsyrien fanden sich zum erstenmal außerhalb Kretas kennzeichnende Züge der für autochthon erachteten minoischen Architektur.