Die Volksabstimmung in Südvietnam über die Frage: "Wollen Sie Bao Dai oder Ngo Dinh Diem als Staatschef?" hat zu dem erwarteten Ergebnis geführt. Mit 95 Prozent der Stimmen sprach sich die Bevölkerung für Diem aus. Damit hat der einst von Bao Dai selbst noch vor dem Fall von Dien Bien Phuh, zum Ministerpräsidenten ernannte katholische Nationalist Diem, der immer mehr in Gegensatz zu dem fern an der französischen Riviera lebenden Kaiser geriet, ein Mandat des Volkes erhalten, das ihn als neuen Staatschef legitimiert. Die Ausrufung der Republik mit Diem als Staatspräsidenten und Wahlen für eine Verfassunggebende Nationalversammlung sind die nächsten in Saigon angekündigten Schritte.

Diem hat das Genfer Indochina-Abkommen von 1954 nicht unterzeichnet, welches vorsah, daß spätestens am 20. Juli 1956 in Nord- und Südvietnam eine Abstimmung über eine gesamtvietnamesische Regierung stattfinden müßte. Zur Vorbereitung sollten gemeinsame Besprechungen zwischen Vertretern der beiden Teile Vietnams im Juli 1955 beginnen. Diem hat diesen Termin ignoriert und vertritt die Meinung, er sei an das Abkommen nicht gebunden. Er findet hierbei die Unterstützung der Vereinigten Staaten, die im Gegensatz zu England, Frankreich, der Sowjetunion und der Chinesischen Volksrepublik das Waffenstillstandsabkommen nicht unterschrieben haben. Diem und die Amerikaner sind gegen die Wahlen, weil unter den bestehenden Verhältnissen mit Sicherheit vorauszusehen ist, daß das kommunistische Nordvietnam Ho Chi Minhs mit seiner Bevölkerung von zwölf Millionen den Sieg über die zehn Millionen des politisch nicht einheitlich ausgerichteten Südvietnam davontragen würde.

Die Frage der gesamtvietnamesischen Wahlen wird in Genf gewiß zur Sprache kommen, wobei die Sowjetunion vermutlich fordern wird, Frankreich und England sollten auf Diem Druck ausüben, die gesamtvietnamesischen Wahlen termingemäß durchzuführen und vorbereitende Gespräche mit Nordvietnam aufzunehmen.

Diem gilt bei den Franzosen als Feind Nr. 1 in Indochina.. Seiner Politik wird auch der Verlust der wirtschaftlichen Vorherrschaft Frankreichs in Südvietnam an die USA zugeschrieben. Paris ist daher unter Bao Dais Führung heute der Sammelpunkt aller Diem-Gegner, die jetzt um so mehr für eine Zusammenarbeit mit Ho Chi Minh eintreten, als Frankreich vor kurzem mit Nordvietnam ein Handelsabkommen geschlossen hat, bei dem Ho Chi Minh bemerkenswertes Entgegenkommen zeigte. Diem beantwortete diese Vorgänge mit der Rückberufung der südvietnamesischen Delegation, die in Paris über ein Kulturabkommen und eine Konvention über den Status der noch in Südvietnam befindlichen französischen Truppen verhandelte. E.K.