Von Wolfgang Ebert

Ersatzmann wird man nicht. Dazu muß man geboren sein. Nur der ist zum Ersatzmann auserwählt, der in sich nicht die leiseste Berufung verspürt, jemals mehr zu sein als nur Ersatz.

Wie in jedem anderen Beruf, gilt es auch als Ersatzmann, von der Pieke auf zu dienen. So begann ich also beim Film. Nicht etwa, indem ich für einen berühmten Filmhelden den dreifachen Salto rückwärts schlug. Sondern gleich beim Synchron.

Aller Anfang ist schwer, heißt es. Meiner war selbstmörderisch. Bevor ich beim Synchron landete, wiegte ich mich nämlich in dem Glauben, daß ich einmal ein großer Schauspieler werden würde. Dieser Irrtum hinderte mich jahrelang, meine wahre Berufung zu erkennen.

Aber eines Tages entdeckte man meine völlige Talentlosigkeit. Von nun an ging es mit mir stetig aufwärts. Durch Zufall fand man heraus, daß meine Stimme die gleiche Tonfärbung hatte, wie die des Cowboydarstellers Jim Cowley. Nun sprach der natürlich kein Deutsch. Das sprach ich jetzt für ihn. Fortan war nicht nur meine Karriere, sondern auch mein Leben eng mit Jim Cowleys verflochten. Gespannt verfolgte ich alle Berichte, die über ihn aus Hollywood eintrafen, und oft bereiteten sie mir Sorgen. Dieser Jim Cowley war nicht nur auf der Leinwand ein tollkühner Bursche, sondern schien auch noch bei Außenaufnahmen ohne Double zu arbeiten. Jedenfalls wurde er gelegentlich von wildgewordenen Stieren auf die Hörner genommen, oder er plumpste bei Wildwasser-Floßfahrten ins Eiswasser. Das bedeutete für mich stets, daß meine Stimme für Monate brachlag. Darum träumte ich immer davon, einem soliden, zuverlässigen Mann vom Schlage eines Bing Crosby meine Stimme leihen zu dürfen. Wer von uns sehnt sich nicht nach ein bißchen Sicherheit? Immerhin muß ich zugeben, daß ich es im Vergleich zu einer Kollegin noch günstig getroffen habe. Sie muß seit Jahren schon für eine amerikanische Filmdiva deutsch sprechen. Diese ist für ihren Familiensinn berühmt, weil sie sich so selten scheiden läßt. Dafür bekommt sie häufig Babys. Das führte natürlich immer zu längeren Produktionsunterbrechungen, unter denen meine Kollegin sehr zu leiden hat. Schließlich ist sie dazu übergegangen, in ihrer synchronfreien Zeit selbst Babys zu bekommen, um nicht ganz beschäftigungslos zu sein. Mit meinem Cowboy, dem Jim Cowley, hatte ich leider großes Pech. Nach einer Europareise, die ich ihm schon sehr übelnahm, stürzte er sich wie wild auf die Arbeit und dabei vom Pferd. Das kostete ihm das Leben, und mir zunächst die Existenz. Was kann einem Ersatzmann Schlimmeres passieren, als das der Mann vom Pferd stürzt, den er ersetzen muß? Darüber hat man sich bislang zu wenig Gedanken gemacht.

Weil nun aber meine stille, unauffällige Opferbereitschaft bekannt ist, läßt man mich von nun an einspringen, wo immer Not am Mann ist. Zwar kann man meine Stimme nicht mehr brauchen, dafür leihe ich nun dem Film meine Hände. Immer wenn jemand in ausländischen Filmen einen deutsch beschriebenen Zettel in den Händen hält, sind das meine. Habe ich damit schon alle Hände voll zu tun, so diene ich überdies dem Fernsehen mit meinen Umrissen, wenn ein Wandschatten gebraucht wird, dieweil sein Werfer schnell in eine andere Dekoration eilen muß, ist das mein Schatten. Und seit einmal ein Hörspielregisseur im Kino meine penetrante Lache hörte, bin ich auch beim Funk ein gemachter Mann, besser: Ersatzmann.

Auch als gemachter Mann überkommt einem zuweilen der Drang zum Höheren. Aber als ich kürzlich einen Intendanten um die winzige Rolle eines Aushilfskellners in einem neuen Stück bat, bemerkte er sehr richtig: "Mann, bleiben Sie, was Sie sind. Als Ersatzmann sind Sie einfach unersetzlich!"