Genau das ist der entscheidende Punkt: Toleranz kann man nach sowjetischer Ansicht erst dann üben, wenn man so stark ist, daß der andere nicht mehr wagt, Opposition zu machen. Merkwürdig, Chruschtschow, die höchste Autorität der kommunistischen Lehre in der UdSSR, verschleiert nichts. Er sagt, was er denkt ("In hundert Jahren wird die Welt so aussehen, wie Karl Marx es prophezeite" und "Das kapitalistische System ist zum Untergang bestimmt, die DDR, das ist die Zukunft"). Aber die Menschen haben keine Ohren, zu hören. So wie viele Adolf Hitlers "Mein Kampf" lasen, in dem jener alles, was er zu tun beabsichtigte, schilderte, und sie hatten keine Augen, zu lesen. Die Sowjets haben seit 1945 nie etwas anderes als eine Politik der Stärke getrieben, von der kommunistischen Machtergreifung in der Tschechoslowakei im Frühjahr 1948 bis zu den heutigen Waffenlieferungen an Ägypten, Mittel- und Südamerika. Natürlich ärgerte es sie, als die Amerikaner und die Westeuropäer, um sich ihrer Haut zu wehren, eines Tages auch zur Politik der Stärke griffen, und natürlich versuchen sie nun mit allen Mitteln, Entspannung zu erreichen.

Sebastian Haffner, der Deutschlandkorrespondent des Observer, hat – wie einer begeisterten Schilderung der Hamburger kommunistischen Zeitung zu entnehmen ist – vor dem Rhein-Ruhr-Club in Düsseldorf einen Vortrag gehalten, in dem er (wie alle Kritiker der westlichen Politik dies ohne Ausnahme seit drei Jahren tun) noch einmal auf die Note der Sowjets vom März 1952 verwies. Die These ist, in jener Note habe die Sowjetunion einem neutralen Deutschland die Wiedervereinigung versprochen; dieses Angebot aber sei weder von den Westmächten noch von Deutschland ernst genommen worden. Und nun sei es eben zu spät, denn jetzt stünden die Pariser Verträge einer friedlichen Lösung im Wege.

Die Moskauer Zeitschrift "Internationale Angelegenheiten" hat soeben in einem Artikel, der offenbar als Auftakt für die Genfer Konferenz gedacht ist, geschrieben, die Sowjetunion würde es nie zulassen, daß die sozialistischen Errungenschaften der DDR wieder zerstört würden. Sie müßten vielmehr auf ganz Deutschland ausgedehnt werden, weil sie die "historische Zukunft verkörpern". "Dies", so fährt der Artikel fort, "sind die Kräfte, denen die Zukunft Deutschlands gehört. Die Nichtanerkennung der DDR ist ein Versuch, den natürlichen Weg der Geschichte zu blockieren."

Deutlicher als Chruschtschow und die sowjetische Presse es immer von neuem formulieren, kann man es einfach nicht sagen: Es geht darum, Gesamtdeutschland mit den fortschrittlichen Errungenschaften der DDR auszustatten. 1952 schien das noch möglich, darum damals das Angebot für allgemeine Wahlen. Heute glaubt die Sowjetunion nicht mehr an ein unter dem roten Stern wiedervereinigtes Deutschland; darum der Entschluß, nicht die Wiedervereinigung zu propagieren, sondern die DDR unter allen Umständen in der eigenen Einflußsphäre zu erhalten. Dieser Erfolg, die Tatsache nämlich, daß Moskau es heute nicht mehr für möglich hält, die Bundesrepublik einfach gleichzuschalten, bedeutet gleichzeitig einen entscheidenden Rückschritt in der Frage der Wiedervereinigung. Das ist der Grund, warum beide glauben, Recht zu haben: diejenigen, die meinten, man könne nur mit der Politik der Pariser Verträge Fortschritte erzielen, und diejenigen, die behaupteten, eben diese Politik werde die Wiedervereinigung blockieren.

Für uns aber ist der Weg klar. Entspannung kann nur Verzicht auf Gewalt sein, nicht Kapitulation. Marion Gräfin Dönhoff