Paciencia, Geduld, spielt in Brasilien eine Rolle, die dem an Tempo gewöhnten Neuling oft genug auf die Nerven geht. Man läßt sich Zeit, im privaten wie im öffentlichen Leben. Auch bei den Präsidentschaftswahlen, die am 3. Oktober stattfanden und über die bis heute immer noch keine endgültigen Resultate vorliegen. Man erwartet sie erst Anfang November. Immerhin scheint festzustehen, daß der Kandidat der Arbeiterpartei, Dr. Juscelino Kubitschek, das Rennen gemacht hat. Wenn alles gutgeht, dann wird er am 31. Januar 1956 sein Amt als 17. Präsident der Bundesrepublik Brasilien antreten.

In drei Monaten also. Zeit genug für die Gegenpartei, um Kubitscheks Stellung zu untergraben und seine und seines Vizepräsidenten Gourlard Persönlichkeit als fragwürdig hinzustellen. Man wirft ihm vor, ein Freund der Kommunisten zu sein, weil diese seine Wahl unterstützt und angeblich mit acht Millionen Cruzeiros finanziert haben. Man erklärt, die Stimmen der Kommunisten – es handelt sich dabei immerhin um eine halbe Million – zählen nicht, weil in Brasilien die Kommunistische Partei verboten und deshalb auch nicht wahlberechtigt sei. Kubitschek wiederum behauptet, er habe mit dieser Unterstützung keinerlei Verpflichtung übernommen. Er stehe auf dem sozialpolitischen Boden der katholischen Kirche. Als Gouverneur des Bundesstaates Minas Geraes habe er jede Organisation, die auch nur halbwegs zum Kommunismus hin tendiere, strikt verboten. Fest steht, daß er allerlei Erfolge während seiner Karriere zum Wohle Brasiliens vorweisen kann. Daß er ideologisch im Fahrwasser von Getulio Vargas segelte und sich bei den Wahlen auf die Partei der "Trabalhistas" zusammen mit den hier bürgerlichen Sozialdemokraten stützen konnte, beruht wohl darauf, daß er dank seines rednerischen Genies am überzeugendsten von allen vier Kandidaten den latenten Getulio-Mythos in sein Programm mit einzubauen verstand.

Das Programm übertriebener, sozialer Versprechungen hatte im August 1954 den Diktator zum Selbstmord getrieben, ehe noch das Militär dazukam, ihn abzusetzen. Bei Vargas einstigem Arbeitsminister, dem heutigen Vizepräsidenten Goulard, gelang dies erst, nachdem Goulard den Mindestlohn um runde 100 Prozent heraufgesetzt und damit der Inflation neuen Auftrieb gegeben hatte. Heute beschuldigt man ihn kurzerhand des "Peronismus" und bezieht sich dabei auf dunkle Waffengeschäfte mit dem argentinischen Abgeordneten Brandi im Jahre 1953; das Beweismaterial, die vorgelegten Briefe stellten sich jedoch als Fälschung heraus. Allerdings enthält das neue Regierungsprogramm gewisse Punkte, die sozialdemagogisch im Sinne peronscher Politik ausgedeutet werden könnten. Etwa die Befreiung der brasilianischen Erdölindustrie von fremden Kapitaleinflüssen, welche den Nordamerikanern, und gewisse Sozialisierungspläne in der Landwirtschaft, welche dem Großgrundbesitz Anlaß zu Besorgnissen geben. Auch eine Ankurbelung der nationalen Industrialisierung im allgemeinen und damit verbundene Importbeschränkungen sind vorgesehen. Hauptagitator gegen die neuen Herren ist der Zeitungsverleger und Journalist Carlos Lacerda, ein Mann von fanatischem Kampfgeist, der schon Getulio Vargas in den Tod hetzte. Lacerda wirft der brasilianischen Justiz Korruption vor. Sie verhindere absichtlich die Aufdeckung der Wahlfälschungen. Unverhohlen fordert er in seinem Blatt die Beseitigung Kubitscheks durch das Militär.

Das Militär ist die Gegenpartei, vor allem General Juarez Tavora, der ursprünglich Getulio Vargas unterstützt hatte, sein Landwirtschaftsminister und später Chef der Militärschule gewesen war, der sich dann aber von ihm distanzierte und schließlich jetzt unter Assistenz des Staatsgouverneurs von Sao Paulo, Janio Quadros, als Präsidentschaftskandidat an die zweite Stelle rückte. Im Grunde scheut auch in Brasilien das Militär vor illegalen Mitteln der Machtergreifung zurück.

Wird es diesmal dennoch dazu kommen? Die Aufgaben heißen nach wie vor antiinflationistische Maßnahmen, Bekämpfung der Teuerung und Hebung des Lebensstandards der breiten Massen durch Methoden, die nicht, wie im Nachbarland Argentinien, das Staatsgefüge in Gefahr bringen. Sollte dies dennoch der Fall sein, würde vielleicht das Heer die Konsequenzen ziehen. Heinz Hell