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Der amerikanischen Delegation bei der Außenministerkonferenz in Genf, die am 27. Oktober ihren Anfang nimmt, gehört auch Verteidigungsminister Wilson an. Ist er nur dort, weil er zur Fühlungnahme mit seinen Kollegen in der Nato ohnehin nach Europa kommen mußte? Oder erwarten die Amerikaner in Genf Abrüstungsgespräche, die interessant genug wären, um die Gegenwart des Fachministers zu rechtfertigen?

Wilson gehört heute zu den vier oder fünf einflußreichsten Männern in Washington, er ist bekannt für seine knappe Sachlichkeit und dürfte wenig Geduld gegenüber den ermüdenden Tiraden beweisen, mit denen die sowjetischen Staatsmänner lächelnd oder grimmig versuchen, Konzessionen ohne Gegenleistungen zu erreichen. Weil die Verteidigung sein Ressort ist, trägt er für den "Ernstfall" Verantwortung, und da zählen nicht freundliche Gesten, sondern nur Tatsachen: Truppenstärke um Truppenstärke, Abrüstung um Abrüstung, Inspektion um Inspektion. Darum ist die Armee von der vielleicht trügerischen Welle der Entspannung, die den Russen bisher nur Vorteile ohne Zugeständnisse brachte, weit weniger berührt als die Politiker. Wilson könnte also der Mann sein, der Außenminister Dulles im Kreis der schwankenden westlichen Partner durch nüchterne Entschlossenheit den Rücken stärkt.

Charles Erwin Wilson kam spät zur Politik. Er war 62 Jahre alt, Präsident von General Motors, des größten Autokonzerns der Welt, als Eisenhower ihn nach seiner Wahl 1952 ins Pentagon holte. Der gedrungene Mann mit dem massiven Kinn und der eigenwilligen weißen Mähne hat sich aus eigener Kraft emporgearbeitet. Er stammt aus Minerva im Staate Ohio. Sein Vater war Lehrer, seine Kindheitsfreunde, zwei Lokomotivführer im Nachbarhaus, die ihn manchmal mit auf die "Lok" nahmen. Von ihnen hat er die Liebe zur Technik. Im Eiltempo absolvierte er einen Kurs am Carnegie Technological College, mit 18 Jahren trat er für einen Stundenlohn von neunzehn Cent bei der Westinghouse Electric Corporation ein, und ehe er noch zweiundzwanzig war, hatte er für die Gesellschaft den ersten elektrischen Anlasser für Personenwagen konstruiert. Das brachte ihn nach dem ersten Weltkrieg zu General Motors. In knapp einem Jahrzehnt stieg er zum jüngsten Vizepräsidenten dieses riesigen Konzerns auf, 1940, wurde er mit fünfzig Jahren dessen Präsident.

Unter seiner Leitung stellte sich das Unternehmen im Krieg auf den Bau von Panzern, Flugzeugen und Düsenjägern um. Auch die nicht weniger schwierige Rückkehr zur Friedensproduktion und die zweite Mobilisierung beim Koreakrieg 1950 waren sein Werk. So schien er für Eisenhower der geeignete Mann, um das größte Unternehmen der Vereinigten Staaten, das Defense Department – das Verteidigungsministerium –, dem fast fünf Millionen Menschen unterstehen und durch dessen Hand zeitweise die Hälfte der Staatsausgaben ging, zu übernehmen; es zu rationalisieren und zu modernisieren.

Als Wilson Minister wurde, mußte er seinen Direktoren- und alle Aufsichtsratsposten niederlegen und sich an Stelle eines Jahreseinkommens von 500 000 Dollar mit 22 000 begnügen. Das tat er ohne Murren. Als er aber, wie das Gesetz es will, auch seine 39 470 Anteile an General Motors veräußern sollte, rebellierte er. Er, der nie einen Mann um sich duldete, auf den auch nur der Schatten eines Verdachtes fiel, betrachtete es als Ehrenkränkung, daß der Senat ihn der Anteile wegen befragte. Mit der Nonchalance des erfolgreichen Geschäftsmannes redete er die ehrenwerten Senatoren mit "Ihr Leute" an; damals fiel das Wort, das ihm Feinde machte: "Was gut ist für General Motors, ist gut für Amerika." Erst nach einem Ultimatum des Präsidenten, den er bewundert, gab er nach und verlor bei dem Verkauf eine runde Million.

Wilson pflegt kein Blatt vor den Mund zu nehmen, seine Ausdrücke sind kräftig, ohne viel Rücksicht auf die Feinheiten der englischen Sprache. 1954, kurz vor der Wahl zum Kongreß, erklärte er, freilaufende Hunde, die sich selber ihr Futter suchten, seien ihm lieber als verhätschelte, die sich, wenn sie Hunger haben, auf den Hintern setzten und jaulten. Damit spielte er auf die Arbeiter an. Der Sturm der Entrüstung, der sich darüber erhob und der von der Demokratischen Partei pfleglich wachgehalten wurde, hat vielleicht mit dazu beigetragen, daß die Republikaner bei der Wahl nur eine ganz knappe Mehrheit erreichten.

Dennoch hat Eisenhower Wilson gehalten. Er weiß, was er an ihm hat. An der Aufgabe, die Wilson übernahm, sind vor ihm, seit das Amt 1947 durch die Vereinigung von Armee- und Marineministerium geschaffen wurde, vier Männer gescheitert. Forrestal trat 1949 zurück und nahm sich kurz darauf das Leben. Das Versagen seines Nachfolgers Johnson brachte das Land, unvorbereitet und abgerüstet, bei der Koreakrise in eine gefährliche Lage; der greise General Marshall gab nach zwölf Monaten erschöpft auf, und als Lovett, Wilsons Vorgänger, das Amt abgab, stellte er freimütig fest, das Verteidigungsministerium bedürfe, um einen Krieg bestehen zu können, drastischer Reformen. Kein Wunder, daß selbst Wilson, dem es nicht an Selbstvertrauen mangelt, gestand, er habe Furcht, sich auf seine alten Tage noch der Gefahr eines Mißerfolges auszusetzen.

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Er begann damit, daß er die Zivilverwaltung des Ministeriums und der Armee um 40 000 Angestellte verminderte, die Bauvorhaben aussetzte, bis ihre Unerläßlichkeit überprüft war, die Aufträge von unzähligen kleinen Unternehmern auf einige große, leistungsfähige Konzerne konzentrierte, die Autorität der Hierarchie klärte und stärkte und den Haushalt für 1954 um fünf auf rund vierzig Milliarden Dollar (für 1952 hatte die Armee noch 104 Milliarden verlangt!) und für 1955 um zehn auf rund dreißig herabsetzte. Luftwaffe, Armee und Flotte reduzierte er auf das nötig scheinende Mindestmaß. Das gab ihm eine starke Stellung, um für das kommende Jahr wieder eine Erhöhung des Verteidigungsbudgets auf fünfunddreißig Milliarden vorzuschlagen, und als man ihn fragte, was der Finanzminister Humphrey dazu sagen würde, erklärte er kurz und bündig: "Es ist mir gleich, was der sagt."

Daß Wilson die Reform in der Verwaltung glänzend gelang, geben auch seine Feinde zu. So gewann er freie Hand, um sich den grundsätzlichen Problemen des militärischen Aufbaues zuzuwenden, der Frage nämlich, ob man das Gewicht auf die klassischen Waffen oder auf die Atomwaffen legen solle. Hier allerdings ist Wilson nicht mehr auf eigenem Gebiet, er muß sich auf den Rat der militärischen und politischen Fachleute stützen. Er hat sich dafür entschieden, die Kernrüstung zu bevorzugen, nicht nur die strategische Atombombe, die schnelle Flugzeugtypen von großem Radius und die Entwicklung interkontinentaler Raketen erfordert, sondern auch die Ausstattung der Land- und Seestreitkräfte mit taktischen Atomgeschützen. Ohne Zweifel ist diese Kriegführung moderier und wirksamer, und da sie eine Konzentraten der Kräfte, nämlich an Stelle von Massenheeien den sparsameren Einsatz von Menschen und Mitteln erlaubt, sagt sie dem Wirtschaftsmann Wilson gewiß auch aus diesen Gründen zu.

Die Gegner, darunter den bisherigen Oberbefehlshaber der Armee, General Ridgway, hat Wilson mit gewohnter Energie ausgeschaltet und durch Taylor ersetzt. Aber Ridgway stellt nicht allein. Mit ihm sind viele Militärs und Politiker der Ansicht, daß der new look of strategy seine Gefahren habe, den Zwang nämlich, schon bei lokalen Zusammenstößen Atomwaffen anzuwenden, was zur Vergeltung und damit rasch zum globalen Atomkrieg führen könnte. Ferner: hätten die Sowjets erst einmal in der Atomrüstung gleichgezogen, dann verlören die Kernwaffen, falls man den Vernichtungskrieg vermeiden oder ächten wolle, überhaupt an Wert. Daher müsse Amerika gleichzeitig dafür sorgen, daß es auch die klassische Rüstung nicht vernachlässige. Das ist eine Auseinandersetzung, die in den Vereinigten Staaten wie bei allen Großmächten noch immer im Mittelpunkt steht.

Politisch hat Wilson, das weiß man in Washington, noch manches zu lernen. Vielleicht ist es auch aus diesem Grund von Vorteil, daß er bei dir Genfer Konferenz Gelegenheit erhält, mit den Sowjets, von deren Charakter und Entschlüssen soviel abhängt, auch persönlich zusammenzutreffen

Volkmar Zühlsdorff