s. l., Berlin

Die Saphirnadel gleitet in die Rillen der Grammophonplatte, es rauscht im Lautsprecher, und in die erwartungsvolle Stille spricht eine Männerstimme feierlich die Worte: "Unserem Wilhelm Pieck." Der Junge am Ladentisch der Musikalienhandlung, der die Platten "Dixie Nr. 1", und "Mambo-Marajo" unschlüssig hin und her schiebt, hebt den Kopf und blickt mich erschrocken an, denn ich habe mir die Platte auflegen lassen.

Während die kleine blonde Verkäuferin mir weitere Produktionen aus der Serie "Lied der Zeit" heraussucht, rieselt aus dem Lautsprecher eine liebliche Flötenmelodie, von gezupten Bässen diskret skandiert, und nun hebt ein sanfter Tenor an: "Es war dein Leben ein Lernen, und du hast vieles Schwere erfahren ..." Eine simple, von Flötenarabesken zierlich umspielte Melodie von Hanns Eisler. Worte, die von Kultusminister Johannes R. Becher stammen, huldigend, lobpreisend ("... und dein Leben gab Deutschland das Leben") mit gedehntem Melodienbogen in dem Refrain endend:

"Wir sind mit dir alt geworden / du bist mit uns jung geblieben / dein Name für immer im Herzen des Volkes / hat sich tief eingeschriiiie-ben."

Der Sänger ist Ernst Busch, der Schauspieler mit dem metallenen Fanfarenton in der Stimme, der seine aggressive Schwungkraft hier zu sanfter Huldigung auf Pieck bändigen muß. Auf der nächsten Platte geht es dann schon lebhafter zu. Nach Eislers unverfroren von Weills "Mahagonny"-Musik übernommenen Zitaten singt er das selbstgedichtete kecke Kampflied Ami go home mit dem eindrucksvollen Rat: "Spalte für den Frieden dein Atom." Ernst Busch ist der Starsänger des militanten Kommunismus, der "Barrikaden-Caruso" aus Ostberlin, der seine Stimme für die Kampflieder von Spanien bis Korea zur Verfügung stellt und dem zum Angriff auf Imperialisten und Reaktionäre keine Melodie zu dünn, kein Text zu banal ist.

Nach Anhören von Korea-Song und Thälmann-Kolonne, japanischem Solidaritäts- und tschechischem Partisanenlied wechseln wir zu den Tango- und Foxtrott-Klängen über, die eine andere Kundin sich herausgesucht hat, und nun könnte man, akustisch wenigstens, ebensogut in einer Westberliner Musikhandlung sein. Nur daß da der Raum intimer wäre als in diesem weiträumigen Ladengeschäft in der Stalinallee mit der rundum laufenden Theke und der Schallplattenabteilung, die keine Kabinen, sondern nur einen von der Verkäuferin bedienten Plattenteller hat. Aber auch hier gibt es die Langspielplatten klassischer Musik, in viel begrenzterer Auswahl freilich als bei uns und ohne die großen Orchester und Solisten der westlichen Welt. – Es gibt allerdings auch Ausnahmen, zu denen die kürzlich hergestellte Gemeinschaftsaufnahme der Deutschen Grammophongesellschaft gehört, die Bachs Johannes-Passion in der Leipziger Thomaskirche aufnehmen ließ, mit den Thomanern unter Ramin und einigen im Westen ansässigen Solisten. Dafür ist die Auswahl östlicher Musik groß. Die Chor- und Balalaika-Aufnahmen russischer Volkslieder werden von westlichen Kunden gern gekauft, denn die Schallplatten – mit Ausnahme der Langspielplatten, die den Verkaufseinschränkungen für optische Geräte unterliegen, können mit Ostmark gekauft werden.

Hier wie im Westen finden Langspielplatten und Tanzmusik die meisten Käufer. Auf weniger Gegenliebe stoßen die politischen Gesänge, die stets vorrätig sind, angefangen von den Nationalhymnen sämtlicher Ostblockstaaten (eine Platte vereinigt die Hymnen der Volksrepublik China, der Koreanischen volksdemokratischen Republik und der Mongolischen Volksrepublik, alle gespielt vom Volkspolizeiorchester Berlin) bis zu den Radiokommentaren des Herrn von Schnitzler. "Fritz der Traktorist" und der "Kavalleriemarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee", "Lang lebe der Staatspräsident", Komsomollied, Fußballerlied, Segelfliegerlied, Eisenbahnerlied – alles kann man sich fürs heimische Grammophon besorgen. Man kann sich vom Berliner Volkspolizeiorchester oberhessische Bauerntänze und vom Instrumentalquartett des Radiokomitees der UdSSR eine Kolchosenquadrille aufspielen lassen, und die nationale Kulturgruppe der FDJ singt im Chor: "Mein Mädel ist ein Bauernkind."