-erle-, Freudenstadt

Die rund 300 Teilnehmer des 51. Deutschen Bädertages im heilklimatischen Höhenluftkurort Freudenstadt im Schwarzwald sahen unter einem blauen Berghimmel die wiedererstandene Stadt. In fünf Jahren, von 1949 bis 1954, wurde mit einem Aufwand von rund 100 Mill. DM die Stadt, die 1945 durch die einrückenden französischen Truppen zerstört worden war, wieder aufgebaut. Die Stadtverwaltung allein investierte in ihre Bauvorhaben 15 Mill. Mark, davon 2,7 Mill. in Kuranlagen und 2,3 Mill. in den Bau eines Kurhauses von modernstem Zuschnitt. Ein Kurmittelhaus steht auf dem weiteren Programm.

Ein solcher Aufbau, der vom Stadtplanungsamt vollkommen einheitlich gesteuert wurde, um allen Leerlauf, alle Doppelarbeit, allen überflüssigen Aufwand auszuschalten, mußte natürlich die Bädersachverständigen interessieren. Die Gäste kamen denn auch bei ihren Gängen durch die Stadt aus dem Staunen nicht heraus, und immer wieder durften die Gastgeber Lob und Bewunderung entgegennehmen.

An Stelle von langen Tabellen seien hier vier Zahlen genannt, die den Wiederaufbau spiegeln: 1949, als man begann, kamen nach Freudenstadt 10 000 Besucher (65 000 Übernachtungen), 1955, im ersten Jahr nach der Vollendung des Wiederaufbaues, wird man Ende Oktober 90 000 Besucher (600 000 Übernachtungen) gezählt haben.

Auf dem Bädertag in Freudenstadt ging es darum, der Öffentlichkeit zu erklären, in welcher Lage sich das deutsche Bäderwesen befindet. Zwar werden von 100 Deutschen 81 durch die Sozialversicherung betreut, es sind aber in den Bädern und Kurorten nur 53 v. H. der Gäste "Sozialkurgäste"; 47 v. H. zahlen Reise und Aufenthalt selbst. In den deutschen Heilbädern stehen rund 240 000 Fremdenbetten; von den wahrscheinlich heute knapp 400 000 Fremdenbetten im ganzen Bundesgebiet sind das 60 v. H. Ohne das Hotel- und Gaststättengewerbe, das erst die Grundlage für den Badebetrieb liefert, wären die 200 deutschen Heilbäder undenkbar. Diese Hotels und Pensionen haben – ebenso wie die Bäderverwaltungen selbst, die ja nur Einnahmen aus dem Badebetrieb und aus den Kurtaxen haben – seit dem Jahre 1938 ihre Preise kaum verändert; erst in allerjüngster Zeit (dies schon fast im Schatten der Bewegung, die Preise abzubauen) gingen einige Preise in den Badeorten in die Höhe. – Interessant für die Gäste des Bädertages war die Tatsache, daß Freudenstadts neues Kurhaus nicht als Regiebetrieb der Stadt geführt wird. Es wäre sonst ein gefährlicher Wettbewerber für die ortsansässigen Wirte geworden. Diese gründeten daher eine GmbH, deren Anteilseigner alle Mitglieder des Ortsvereins der Wirte sind; sie gaben das Haus einem Pächter und machen sich damit zwar selbst Konkurrenz, aber bei einem Erfolg immerhin doch in die eigenen Taschen.

Überraschend war, daß außer wenigen Freudenstädter Wirten kein einziges Mitglied des "Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes" an der Bäder-Verbandstagung teilnahm. In den äußerst lebhaften Aussprachen mußten daher zwei Kurdirektoren die Advokaten für die Hotel- und Gaststättenbesitzer spielen; bessere Anwälte hätten sich die Wirte und Hoteliers allerdings kaum wünschen können als Dr. Ruetten, den Kurdirektor von Bad Neuenahr, und den Vorsitzenden des Hotelausschusses des Bäderverbandes, Kurdirektor Nave von Bad Driburg.

Einmal gab es ein Wortgefecht zwischen Ärzten und Vertretern der Sozialversicherung: Die Ärzte sehen sorgenvoll, wie die Sozialversicherungsträger über die eigenen "Kurkasernen" hinweg nach dem ersten eigenen Heilbad zu greifen versuchen. Mit 81,5 v. H. Sozialversicherten im Hintergrund ist dieses Ausdehnungsbedürfnis so stark, daß es tatsächlich zu einem Alpdruck für die Bäder wird, solange sie noch – privatwirtschaftlich betrieben – an die schließlich verbleibenden 18,5 v.H. selbständigen Kurgäste die Ware "Heilung" und "Erholung" verkaufen wollen.

Es gab auch eine Aussprache über die Bekämpfung des Lärms in den Bädern und Kurorten. Dr. Wagner, Badenweiler, hat eine "Anti-Lärm-Bilanz" gezogen, die auf den Antworten von allen nennenswerten Kurorten aufgebaut ist. Danach stehen 33 v. H. aller Badeorts-Betten an Straßen, die abseits jeden Verkehrslärms verlaufen. Weitere 32 v. H. stehen an Straßen, die dem Verkehrslärm bisher vollkommen schutzlos ausgeliefert sind, und ein übriges Drittel an Straßen, die bereits mehr oder minder wirksam durch Verordnungen geschützt sind. Übrigens sind es ja nicht nur die Lastkraftwagen mit ihren schweren Motoren und die Motorräder und Roller mit ihren heulenden Maschinen, die den Schlaf stören, es sind auch Lautsprecher und Plattenspieler am offenen Fenster, es sind Flugzeuge von benachbarten Fliegerhorsten. Auch hier war es Dr. Ruetten, der darauf hinwies, daß einmal die zunehmende Motorisierung keine radikalen Verordnungen zulasse, und daß die Stadtverordneten der meisten Orte so wenig einig seien, daß sie zu klaren Mehrheitsentscheidungen über Anti-Lärm-Verordnungen bisher einfach nicht fähig waren.