Von Christian E. Lewalter

Wir ein Freund pessimistischer Zeitdiagnosen ist, hätte es während der vier Beratungstage in der Trinkhalle des Kurhauses von Honnef nicht schwer gehabt, Argumente für seine düsteren Perspektiven zu sammeln. Denn von den rund hundert Teilnehmern der Tagung für Hochschulreform – Kultusminister, Hochschulreferenten, Kuratoren, Rektoren, Professoren, Vertreter der Studentenschaft und der Institutionen zur Förderung der Forschung und des Studiums – gab es keinen, der mit den heutigen Zuständen an unseren Universitäten und Hochschulen einverstanden gewesen wäre. Daß es nicht so bleiben kann, wie es ist, daß eine Reform dringend nötig ist, weiß man seit geraumer Zeit. Aber seit geraumer Zeit ist auch schon die frohgemute Unbefangenheit verloren, mit der durchgreifende Reformen ins Werk gesetzt werden mußten. "Unsere Stimmung", sagte der Göttinger Historiker Hermann Heimpel in seinem einleitenden Vortrag, "ist verdrossen und resigniert. Aber sie enthält ein positives Element: die Unzufriedenheit mit uns selbst." Der Ton radikaler Selbstkritik, die Reserve gegenüber jeglichem "Optimismus von Rektoratsreden" machte Heimpels impulsive Rede zu einem großartigen Dokument jener sarkastischen Redlichkeit, ohne die in verzweifelten Lagen keine Rettung zu denken ist. "Es steht nicht gut um den geistigen Gehalt unserer Hochschulen", sagte Heimpel und verglich die Reform mit einem Zirkuspferd, das "immer im Kreis um die gleiche Manege trabt und sich nie zu einem Galoppsprung über die Brüstung entschließen kann".

Für den Außenstehenden ist es nicht ganz leicht, sich ein Bild von der Lage zu machen, denn die in der Öffentlichkeit oft zu hörenden Einwände gegen den jetzigen Zustand unserer Hochschulen sind, wie Heimpel zeigte, in sich selbst widerspruchsvoll. Einerseits wirft man den Universitäten vor, sie gingen nicht genügend "mit der Zeit" und hielten krampfhaft an einem "anachronistischen Bildungsideal" fest, andererseits aber beklagt man, daß sie sich allzu willig der technischen Zivilisation in die Arme geworfen hätten und selbst "materialistisch" geworden seien. Beide Vorwürfe können nicht zugleich zutreffen. Aber daß beide zugleich erhoben werden, beweist doch, daß Idee und Wirklichkeit der Hochschule nicht mehr im Einklang sind und daß man sich überlegen muß, ob man die Idee zugunsten der Zivilisationswirklichkeit preisgeben oder vielmehr die Tendenzen dieser Wirklichkeit (Spezialisierung der Fächer, Notwendigkeiten der Berufsausbildung, Vordringen der "angewandten Wissenschaften") zugunsten des überlieferten Bildungsideals der deutschen Universität abfangen und in dieses einbauen will.

Hier nun, in diesem entscheidenden Punkt, hatte die Honnefer Tagung – und das macht ihre Wichtigkeit aus – ein ganz eindeutiges Ergebnis: Die deutschen Hochschulen werden auch in Zukunft an der Idee festhalten, daß (so etwa hat es der Hamburger Schulsenator Professor Hans Wenke formuliert) "der Umgang mit der Wissenschaft, mit ihren Inhalten, Fragen und gedanklichen Ordnungen in das seelisch-geistige Gefüge des Individuums formend eingreift". Reform der Hochschulen ist also nicht deren "Anpassung" an die veränderte Wirklichkeit – etwa in dem Sinne, daß von nun an aus den Universitäten Fachschulen werden sollen –, sondern die bisher nur unzureichend geleistete Bewältigung der aus der neuen sozialen Wirklichkeit andringenden Fragen im Geiste der Hochschule.

Die Unzulänglichkeit des gesamten heutigen deutschen Hochschulwesens hat eine kardinale Ursache: das Mißverhältnis zwischen der Studenten- und der Dozentenzahl. Genauer gesagt: einer sehr stark gewachsenen Anzahl von Studierenden, die sich vielfach die Mittel zum Studium durch Industrie- und andere Arbeit verdienen müssen, stehen viel zu kleine Lehrkörper gegenüber, deren Mitglieder durch Verwaltungs- und Prüfungsaufgaben zusätzlich belastet sind. Gerade in den für die späteren Berufe wichtigsten Fächern können sich die ordentlichen Professoren ihren Schülern kaum je noch individuell widmen. So kommt es zu jenem "Massenbetrieb", den alle Beteiligten beklagen, und zu jenem "Schulstubengeruch" (wie der Freiburger Historiker Gerd Tellenbach es in Honnef nannte), in dem die akademische Freiheit erstickt wird.

Es ist ein Irrtum, zu meinen, daß die Universität nur die Wahl habe, entweder in den Wolken der Idee zu schweben oder sich in eine Ausbildungsanstalt zu verwandeln. Professor Heimpel fand den Begriff für die Mitte, die sie einhalten will: nicht Berufsausbildung, sondern Berufsvorbildung – etwa an dem Beispiel des künftigen Geschichtslehrers, der auf der Universität wohl einiges über Geschichte und einiges über Pädagogik erfahren kann, aber nicht lernt und auch nicht lernen soll, wie man nun in der Schule Geschichte unterrichtet. Diese Vorbildung muß allen Studierenden gemeinsam sein, und erst wenn sie abgeschlossen ist, setzt die Gabelung ein, bei der die Mehrzahl in die sogenannten "akademischen Berufe" (Jurist, Arzt, Studienrat, Pfarrer) eintritt, eine Minderzahl aber auf der Hochschule bleibt und die Reihen des "wissenschaftlichen Nachwuchses" füllt.

"Auch die mißlungenste Hochschulreform auf der alten Grundlage ist besser, als es die best funktionierende Brutanstalt für Berufe wäre" – diese Formulierung Professor Heimpels fand spontanen Beifall. Es ergibt sich daraus, daß die Öffentlichkeit keine sensationellen Maßnahmen erwarten darf. Zwar fehlte es auch in Honnef nicht ganz an Ungeduldigen, die einen Umbau auf lange Sicht forderten, sich aber von einem Nobelpreisträger (Professor Schäfer aus Heidelberg) sagen lassen mußten, daß die Wirklichkeit nun einmal die Tendenz habe, sich noch schneller zu ändern als die Universität und daß diese also bei einem Umbau nur allzuleicht das Rennen verlieren könne.