Von Waldemar Ringleb

Es ist sicherlich nicht leicht, von einer Periode anhaltend schönen Wetters Abschied zu nehmen. Daher ist es verständlich, wenn die Wirtschaft heute den Warnern grollt, die zuerst auf die Wolken, die sich am Horizont zusammenballen, hindeuteten. Ungerecht aber ist es, wenn davon gesprochen wird, daß die Anspannungen, die sich heute im Wirtschaftsgefüge zeigen, ein Journalistengeschwätz seien, das geeignet sei, die Konjunktur zu zerreden, oder wenn gar den ersten vorsichtigen Sicherungsmaßnahmen des Zentralbankrates die Schuld für die Anspannung der Liquidität zugeschoben wird. – Die Versteifung auf demGeldmarkt, die das erste äußere Zeichen für die gewandelte Wirtschaftssituation darstellt, wäre auch gekommen, wenn man die Mindestreservesätze nicht um 1 v. H. erhöht hätte. Die ständige Liquidität des Bankenapparates, die die Wirtschaftsexpansion der letzten Jahre entscheidend gefördert hat, war ja nicht die Folge einer Politik des leichten Geldes; sie fand ihre Ursache vielmehr in einer langjährigen Aktivierung der Zahlungsbilanz, die auf der einen Seite die Bildung großer Währungsreserven ermöglichte, auf der anderen aber ein ständiges Einfließen von DM-Beträgen in den innerwirtschaftlichen Kreislauf bedingte. Diese Quelle versiegt mehr und mehr, weil die Importe seit Monaten schneller und kräftiger steigen als die Ausfuhren, Der ständige Liquiditätszufluß hat damit sein Ende gefunden, und zwar zu einem Zeitpunkt, in dem die Wirtschaft auf Hochtouren läuft und dauernd neue Geld- und Kreditbedürfnisse hervorruft. Die zwangsläufige Folge sind Anspannungen auf dem Geldmarkt, aus denen die Notenbank ihre Folgerungen ziehen muß. Vor zehn oder zwanzig Jahren, zu einer Zeit also, in der man an die heilsame Wirkung der Politik leichten Geldes und an eine ewige kapitalistische Expansion glaubte, hätte man sich möglicherweise in der gleichen Lage dazu entschlossen, andere Quellen des Notenbankgeldes zu erschließen. Aber die Erfahrungen der rückliegenden Zeit bedeuten eine Mahnung: der Preis, der hierfür zu zahlen ist, wäre zu hoch. Er heißt schleichende Inflation.

Mit seinen Beschlüssen vom 3. August hat der Zentralbankrat eindeutig zu erkennen gegeben, daß er diesen Weg nicht gehen wird, daß es vielmehr in seiner Absicht liegt, keine Ausweitung des Geldumlaufes zuzulassen, die die Währung gefährdet. Dabei hat er allerdings keineswegs die Kreditbremsen scharf angezogen. Mit dem Entschluß, die Mindestreservesätze um 1 v. H. zu erhöhen und damit die Geschäftsbanken anzuhalten, eine halbe Milliarde DM mehr als Einlage im Zentralbanksystem zu unterhalten, wurden dem legitimen Kreditinteresse der Wirtschaft keine Hindernisse entgegengesetzt. Dies zeigt deutlich die Entwicklung des Notenbankstatuts. Die Wechselbestände im Zentralbanksystem haben sich nämlich seit Ende Juli von 2,1 Mrd. DM auf 3 Mrd. DM (also um rund 900 Mill. DM) erhöht. Im gleichen Umfange ist Notenbankgeld in die Wirtschaft eingeflossen. Dem legitimen Kreditinteresse, das sich auf echte Warengeschäfte gründet, wurde also dem vollen Umfang nach Rechnung getragen. Von einer Kreditrestriktion kann deshalb noch nicht die Rede sein. Das Gegenteil ist eher der Fall. Die Notenbank stellt bis jetzt noch ihren Kredit zu Sätzen, die weit unter denen des Geldmarktes liegen – Tagesgeld lag in der vergangenen Woche bei 33/4 v. H. und mehr –, zur Verfügung. So fließt den Geschäftsbanken weit mehr Notenbankgeld zu, als diese für die erhöhte Mindestreserve brauchen. Damit wird ihre Basis für eigene Kreditschöpfung erweitert. Tatsächlich läßt die Bankenstatistik vorerst noch keinen Rückgang der an Wirtschaftsunternehmen und Private gewährten Kredite erkennen. Dies hatte man auch nicht erwartet, weil einmal die Banken jetzt Kreditverpflichtungen entsprechen müssen, die sie in der vergangenen Zeit eingegangen sind, und weil zum anderen der Herbst mit seinen Sonderbeanspruchungen höhere Anforderungen an sie stellt. Die Gewitterwolken haben sich also noch keineswegs aufgelöst. Die Notenbank wird vielmehr die weitere Entwicklung sorgsam beobachten und vor allem verhindern müssen, daß der Kredit stärker in Anspruch genommen wird, als die ruhige Entwicklung der Wirtschaft, und die Sicherheit der Währung es vertragen. An Krediten aber sind nun grundsätzlich zwei Partner – Schuldner und Gläubiger – beteiligt. Die Aktivität liegt dabei eindeutig beim Schuldner.

Der Bundeswirtschaftsminister hat somit grundsätzlich recht, wenn er zuerst einmal durch psychologische Mittel einzuwirken versucht. Ist die Wirtschaft mit ihren Kreditanforderungen maßvoll, dann braucht die Notenbank nicht hart zu werden. Gelingt es der Bundesregierung, ihr konjunkturpolitisches Programm zur Wirkung zu bringen und die Überhitzungen durch gezielte Maßnahmen abzukühlen, dann wird der Zentralbankrat weiterhin "Gewehr bei Fuß" stehen können. Er wird dies um so lieber tun, als heute konjunkturelle Maßnahmen zu einem Politikum geworden sind. Wäre das nicht der Fall, dann könnte kein Zweifel darüber bestehen, daß die Zeit dafür gekommen wäre, die Konditionen der Notenbank der Situation auf dem Geldmarkt anzupassen.

Man darf nicht übersehen, daß ein Wechselportefeuille von 3 Mrd. DM seiner Höhe nach dem der Koreazeit entspricht und daß ein Zahlungsmittelumlauf von mehr als 14,3 Mrd. DM am 1. Oktober ein bis dahin nicht erreichtes Maximum darstellt. Gewiß: das Produktionsvolumen hat sich in den letzten Jahren beachtlich erhöht. Wir sind in den Zustand der Vollbeschäftigung hineingeraten. Die Arbeitszeit ist durch Überstunden und Sonntagsarbeit weit über die 48-Stundenwoche hinaus gestiegen. Die Wirtschaft befindet sich also auf einer Bergesspitze, was seinen Ausdruck auch in einer hohen Ausrüstung mit Geld finden muß. Bergspitze aber besagt, daß der Weg nicht höher geht, wenn nicht der gesicherte Boden einer festen Währung unter den Füßen verlorengehen soll.

Wenn man die Dinge so sieht, wird es ganz klar, welche Verantwortung heute auf den Männern des Zentralbankrates liegt. Währungspolitik ist im Augenblick, das zeigt die Diskussion der letzten Wochen, ein Teil der allgemeinen Politik. Dem kann und soll sich der Zentralbankrat nicht verschließen. Er muß deshalb heute mehr als je nach dieser Seite schauen. Dabei darf er aber seine ureigentliche, ihm durch das Gesetz zugewiesene Aufgabe, die Stabilität der Währung zu sichern, nicht eine Sekunde lang aus den Augen verlieren. Er wird dies auch nicht tun. Das hat er nicht nur immer wieder erklärt, sondern er hat dies auch in der kaum minderschweren Koreazeit bewiesen. Welche Schlüsse er aus der gegebenen Situation ziehen wird, vermag in einem Augenblick, da Argument und Gegenargument sich die Waage zu halten scheinen, niemand vorweg zu sagen.

Eines aber ist sicher, daß, wenn die Wirtschaft – und das gilt in gleicher Weise für die Unternehmer wie für ihre Sozialpartner – nicht aus sich selbst heraus die Kräfte entwickelt, mit denen die sich allzu schnell drehenden Räder wieder auf das rechte Tempo gebracht werden können, die Notenbank nur noch die nackten Zahlen betrachten kann und darf. Diese aber sprechen bereits jetzt für eine Verschärfung der Restriktion. Zu ihr sollte man sich überdies entschließen, bevor die absoluten Grenzen für eine Kreditausweitung erreicht werden, die dadurch gegeben sind, daß den einzelnen Instituten bei ihren Landeszentralbanken Kreditlinien gezogen wurden. Erschöpfung des Kredits bedeutet nämlich Unelastizität. Nichts aber wäre verhängnisvoller, als wenn die Wirtschaft ihre Beweglichkeit und Reagibilität verlieren würde.