Von Paul Hühnerfeld

Nicht nur Länder – auch Erdteile haben ihre spezifische Dichtung. Dies sieht man am deutlichsten, wenn zwei Schriftsteller verschiedener Kontinente über dasselbe Thema schreiben: wer nur einen Blick auf die ersten Seiten von Thomas Manns "Tod in Venedig" und Ernest Hemingways "Über den Fluß und in die Wälder" tut, weiß, was gemeint ist. Beide Bücher haben zwar noch nicht einmal dasselbe Thema, jedoch dieselbe geliebte Stadt Venedig zum Hintergrund – wie aber liebt der Europäer (verletzbar, ironisch, stets bereit, das Gefühl zurückzunehmen) und wie der Amerikaner (direkter, klarer, nicht ohne einen Schuß Brutalität)! Verständlich, daß sich solche Unterschiede in Stil und Inhalt niederschlagen, und die Differenzierung, die dann herauskommt, ist nicht nur der Unterschied zwischen Thomas Mann und Ernest Hemingway, sondern auch ein Unterschied zwischen Amerika und Europa.

Vor einiger Zeit erschien in Dänemark ein Roman, der sich "En Aften in Kolera-Aaret" (Ein Abend im Cholera-Jahr) betitelte und dessen Verfasser zunächst anonym blieb. Leser und Kritiker in unserem Nachbarland erkannten bald, daß es sich um ein bedeutendes Buch handelte, und es begann das Herumrätseln, wer wohl der Autor sei. Fast alle lebenden Schriftsteller von Rang wurden "verdächtigt" – auch und vor allem Amerikaner – und hier nun irrten sich die dänischen Leser ganz gründlich. Denn als der Verfasser seine Anonymität lüftete, da kam heraus, was man nach der Lektüre dieses Buches gleich hätte wissen müssen, daß der Autor nämlich Europäer – ja Däne war. Er heißt Kelvin Lindemann und sein Buch ist jetzt unter dem Titel

"Ein Abend in Kopenhagen", Roman (bei Kiepenheuer & Witsch, Köln, 194 S., 11,50 DM, aus dem Dänischen übersetzt v. Herbert A. Frenzel)

bei uns erschienen. Das ist nun freilich ein Buch, das verdiente, in der Bücherflut unserer Zeit nicht vergessen zu werden. An einem Abend des Jahres 1853, dem Jahr, in dem die Cholera in Kopenhagen wütete, treffen sich in einem Haus in der Amaliengade drei Menschen: die Hausbesitzerin Hermione Schnell, Gattin des ehemaligen dänischen Außenministers, von dem gesagt wird, daß er schon ein Vierteljahrhundert zuvor "in das höhere Leben einging, in dem die Politik überflüssig ist", die Gutsbesitzerin van der Hooglant, eine ebenso alte Dame wie die Geheimrätin Schnell, und der Professor der Zoologie Iselin, auch nicht mehr der Jüngste, wenngleich vom Lebensalter der beiden Damen noch gut 20 Jahre getrennt. Der äußere Anlaß der Zusammenkunft ist Iselins Geburtstag, der innere, sich im Gespräch an diesem Abend, umgeben vom Tod der Cholera, nach so viel Lebensjahren endlich über den Sinn des Lebens klarzuwerden.

Diese Gespräche aber sind keine Lehrdialoge, es sind die spannendsten Geschichten, die ein Dichter erfinden kann, erfüllt von äußerer und innerer Dramatik, durchsetzt von so überraschenden, dann aber doch folgerichtigen Pointen, daß man als Leser aus dem Staunen nicht herauskommt.

Worum geht es? Die drei alten Menschen erzählen aus der Vergangenheit. Sie beginnen mit der eigenen, überhöhen diese aber sofort durch einen Sprung in die europäische Vergangenheit. Das ist möglich um 1853 und in der miteinander verbundenen Gesellschaftsschicht des Adels und der humanistischen Gelehrten, in der jeder jeden kennt und gekannt hat. Wie von selbst tauchen Könige und ihre Mätressen, Päpste, Botschafter und Feldherren als Figuren auf einer gewaltigen Schaubühne auf, die Europa heißt. Aber die Überhöhung ist damit noch nicht zu Ende. Gott und Teufel haben mitgespielt im alten Europa, und also müssen auch sie in die Geschichten einbezogen werden. Das Panorama abendländischen Lebens wird zum Panorama des Kampfes zwischen Gott und Teufel um den Menschen, wobei bis zum Schluß des Buches (absichtlich) nicht ganz klar wird, wer ihn eigentlich gewonnen hat.