Wenn man auf einer europäischen Landkartedie Orte kennzeichnen würde, an denen in den letzten Jahrzehnten internationale Konferenzen tagten, dann wäre das Gebiet um die oberitalienischen und Südschweizer Seen und entlang der Riviera dicht besät mit diesen dunklen Punkten (Locarno, Stresa, Genf, Lausanne, Ouchy, Evian, Nizza, Cannes, San Remo, Rapallo, Santa Margherita). An den Ufern dieser Seen ist mancher europäische Traum geboren und mancher zerstört worden.

Durch eine boshafte Ironie der Geschichte tritt die neue Genfer Konferenz fast genau dreißig Jahre nach dem Abschluß des Locarno-Vertrages Oktober 1925) zusammen. Der Genfer Konferenz scheint aufgegeben zu sein, für die Welt zu vollbringen, was der Locarno-Vertrag einst für Europa getan zu haben schien (leider kann man auf das mißtrauische und ängstliche Wort "scheinen" nicht verzichten), die Aufgabe nämlich, die Welt herauszuführen aus dem System entgegengesetzter Machtblöcke – mit ihren fixierten Gegnern und mit ihrer Zweiteilung der Welt – und an dessen Stelle eine universale Ordnung kollektiver Sicherheit aufzurichten. Der Geist von Locarno wurde einst so gepriesen wie heute der Geist von Genf, bis sich schließlich hinter ihm all die bösen Geister Europas erhoben.

Erfunden hat den Locarno-Vertrag der englische Botschafter in Berlin, Lord d’Abernon, der Lord Protector Deutschlands. Lord d’Abernon hatte den Gedanken eines zweiseitigen Schutz- und Garantievertrages, eines Bündnisses also, bei dem Gegner und Schuldiger nicht von vornherein feststanden, eines Polizeisystems, das Sicherheit vor einem unbekannten Rechtsbrecher gewähren sollte. Diese Idee ließ d’Abernon von dem Staatssekretär von Schubert in zünftige diplomatische Formeln bringen. Er schrieb sich diese stichwortartig auf der Manschette auf, diktierte sie auf der Botschaft – sozusagen vom Hemd weg – und sandte sie dann dem entgeisterten Foreign Office zu.

Das Londoner Außenamt war in der Tat entgeistert, weil Sir Austin Chamberlain zunächst nur an ein einseitiges Verteidigungsbündnis mit Frankreich gegen Deutschland dachte. Er unterlag schließlich gegen Churchill und Curzon und wurde am Ende selbst ein begeisterter Anhänger des neuen Vertragssystems. Als allerdings der Locarno-Pakt in die glühende Esse der weltpolitischen Entscheidung geschleudert wurde, schmolz alles übrige ab, und zurück blieb nur, was auch ohne den Pakt Realität gewesen wäre: das englisch-französische Bündnis gegen Deutschland.

Auf dem geduldigen Papier, das sich gegen keinen Schwur ewigerLiebe und gegen kein unbedingtes Beistandsversprechen der Mächte dieser Erde zur Wehr setzen kann, stand nun aber zunächst der Locarno-Vertrag – ein Bündnis gegen einen ungenannten "Angreifer". Moralisch und völkerrechtlich war damit etwas Ungeheuerliches geschehen. Wenn man bisher von dem "Angreifer" gesprochen hatte, war es ausgemacht, daß man von Deutschland sprach. Sollte heute, in Genf, ein Welt-Locarno zustande kommen, dann wäre das gleichfalls eine moralische und völkerrechtliche Revolution, weil mindestens die Möglichkeit unterstellt würde, daß nicht nur die Sowjetunion, sondern auch Amerika der Angreifer sein könnte. Es gibt nicht wenige Leute auf der Erde, die sich gegen eine solche moralische "Gleichmacherei" auflehnen und meinen, man ließe nun Gott und Teufel mit den gleichen Karten spielen.

Die rechtliche Konstruktion des Locarno-Vertrages war sinngemäß die folgende: Italien und Großbritannien verpflichteten sich, Deutschland und Belgien gegen einen französischen Angriff und Frankreich sowie Belgien gegen einen deutschen Angriff militärisch zu unterstützen. Deutschland allerdings fand sich damit ab, daß ein französischer Einmarsch in das Reich in Erfüllung der Bündnisverpflichtungen Frankreichs mit Polen und der Tschechoslowakei nicht als Angriff im Sinne des Locarno-Vertrages galt und daher auch keinen Anspruch auf englische Bündnishilfe begründete. Andererseits mußte Frankreich es hinnehmen, daß ein Angriff Deutschlands gegen Polen und die Tschechoslowakei nicht als ein Angriff auf Frankreich angesehen wurde, während bisher der Satz gegolten hatte: Wer Frankreichs Verbündete angreift, greift Frankreich selbst an.

Es gab fortan Grenzen verschiedener Würde und Heiligkeit in Europa. Auf dem Papier sicherte sich England ein Recht, um Böhmens, Danzigs und des Korridors willen nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Aber die künstlichen Unterscheidungen versagten im Ernstfall.