Von Michael Davie

London, im Oktober

Als Leser der "populären" englischen Zeitungen fühlte man sich jetzt oft wie ein glücklich verheirateten junger Ehemann, dessen Liebesleben auf die Bühne gebracht wird. Während der letzten zwei bis drei Wochen hat sich ein Teil der englischen Presse, der insgesamt über eine Auflage von zwölf Millionen verfügt, derart intensiv und rücksichtslos mit den Angelegenheiten der Prinzessin Margaret und des Fliegerobersten Townsend beschäftigt, daß es ein Eindringen in das Privatleben der königlichen Familie bedeutet, wie es in diesem Ausmaß noch nie dagewesen ist.

Früher waren die britischen Zeitungen im allgemeinen noch recht zurückhaltend, ja sie haben vielleicht weniger über diese Affäre geschrieben als manche Blätter im Ausland. Denn nicht alle Redakteure waren von den Heiratsabsichten der Prinzessin ernstlich überzeugt. Aber als Oberst Townsend von Brüssel nach England zurückkehrte und als sein erster Besuch bei Prinzessin Margaret bekanntwurde, war es vorbei mit der Zurückhaltung. Man konnte ja ungestraft erfinden, was man wollte. Die königliche Familie kann weder einen Prozeß anstrengen noch auch nur irgendwelche Zeitungsmeldungen, die nicht zutreffen, dementieren. Man scheute also nicht davor zurück, zu zitieren, was der verstorbene König Georg VI. vor zehn Jahren über Townsend gesagt haben soll, oder in Einzelheiten über das Gefühlsleben der damals 13jährigen Prinzessin Margaret zu berichten, über das, was sie bewegte, als sie den neuen persönlichen Adjutanten ihres Vaters zum erstenmal sah.

Man darf dabei nicht vergessen, daß die großen englischen Zeitungen gerade jetzt eine besonders heftige Schlacht um Leser führen. Als Prinzessin Margaret durch den Pressesekretär des königlichen Palastes an die Zeitungen die Bitte richtete, ihr Privatleben zu respektieren, gab es im ganzen Lande keinen Journalisten, der es gewagt hätte, dieser Bitte Folge zu leisten; aus Angst, Leser zu verlieren. Deswegen mußte die Prinzessin mit einem Polizeischutz umgeben werden, als ob jemand einen Anschlag auf ihr Leben vorhätte, und das Haus, in dem sie sich aufhielt, wurde von Polizeihunden bewacht, um sie und Townsend vor wildernden Photographen und Reportern zu schützen. Die schöne Illusion von der britischen königlichen Familie, die auch ein Privatleben hat, das respektiert wird, ist endgültig zerstört. "Liebesleben mit Margaret" lautete die Schlagzeile einer englischen Gazette.

Es ist nicht leicht, mit einiger Gewißheit zusammenfassend etwas darüber zu sagen, was die Leute in England nun eigentlich über die ganze Geschichte denken. Eins fällt auf: Was immer man gegen Oberst Townsend einwenden mag (sein Alter, seine Scheidung), niemand wirft ihm vor, daß er kein Adeliger ist. Die Vorstellung, eine Prinzessin müßte einen Prinzen heiraten, ist vollkommen der demokratischeren Einstellung gewichen: auch eine Prinzessin soll nach Möglichkeit den Mann heiraten, der ihr gefällt.

Über andere Fragen im Zusammenhang mit dieser Wahlfreiheit der Prinzessin herrscht viel weniger Einmütigkeit. Manche finden das Heiratsgesetz für die königliche Familie vollkommen veraltet. In diesem Gesetz wird festgelegt, daß die englischen Abkommen König Georgs II. ohne Einwilligung des Souveräns nicht heiraten dürfen, solange sie unter 25 sind, und daß sie, wenn sie wie Prinzessin Margaret das 25. Lebensjahr erreicht haben, zwar selbsttätig eine Ehe schließen dürfen, aber nicht ohne diesen Plan ein Jahr vorher anzukündigen. Und das Parlament kann dagegen ein Veto einlegen. Andere halten dieses Gesetz für noch immer vertretbar, um die Nachfolge für den britischen Thron zu schützen.