Sehr bald hat sich die Erwartung realisiert, daß Ernst Schnabel nach seinem Ausscheiden aus der Leitung einer Funkanstalt dem Funk als Autor mehr als zuvor zur Verfügung stehen werde. In der vergangenen Woche wurden zwei Arbeiten von ihm gesendet – Bearbeitungen zwar, doch von jener Eigentümlichkeit des Tones, der, in seiner verhaltenen Unruhe und seinem schwingenden Mitgefühl, diesen Schriftsteller so unverwechselbar macht und der noch mehr den Zuhörer voraussetzt als den Leser. Zwei recht verschiedene Originale lagen zugrunde: der Bericht eines englischen Psychotherapeuten über seine Erfahrung mit Walfängern in der Antarktis – und das Hörspiel "Die Wahrheit auf Erden" des Engländers Charles Dimont, in dessen Mittelpunkt (wie in Zuckmayers "Kaltem Licht") der "Landesverrat" eines Kernphysikers steht. Was Schnabel gereizt haben mag, ist die Grenzfigur unserer Welt: der Mensch, der nicht in ihre immer engeren Ordnungen aufgehen will und kann. Die Walfänger sind auf ihre Art Rebellen gegen die Zivilisation; sie "fliehen" in die Strapazen und harten Spielregeln ihres ungeheuerlichen Berufs – und begegnen sich dabei (dies hat erst Schnabel erkannt) mit ihren Opfern, den Walen. Denn auch diese entziehen sich ganz offenbar den Normen ihrer Welt, der Natur, und hüllen sich in Geheimnisse, die noch keine Wissenschaft aufgeklärt hat. Weniger mysteriös liegt der Fall des Dr. Alexander Fischer, der als naturalisierter Engländer die Pläne für die Superbombe entworfen hat und sie den Sowjets mitteilt, weil sein Gewissen ihn treibt, die Wahrheit, die er gefunden hat, der ganzen Welt bekanntzugeben – ein donquijotesker Irrtum, den er erkennt, als er hört, daß sein ehemaliger deutscher Professor von den Sowjets gezwungen wird, in aller Heimlichkeit die gleichen Pläne auszuarbeiten. Das etwas nüchtern konstruierte Hörspiel gipfelt in einem (von Schnabel ausgestalteten) Monolog, den der Angeklagte vor Gericht hält – einem schwer erkämpften Schuldbekenntnis, das den unzulänglichen Ordnungen dieser Welt jene Gerechtigkeit widerfahren läßt, die ihnen nun einmal gebührt.

Wir werden sehen:

Sonntag, 30. Oktober, 20 Uhr:

Aus dem Münchener Studio eine Fernsehfassung von Arthur Schnitzlers Einakter "Der grüne Kakadu", in der Pamela Wedekind die Marquise spielt.

Freitag, 29. Oktober, 20.30: In deutscher Erstsendung das Fernsehspiel "Nodo stradale" ("Straßenknotenpunkt") von Paolo Levi.

Wir werden hören:

Donnerstag, 27. Oktober, 17 Uhr aus Stuttgart: