Nun kann ja wohl nichts mehr schiefgehen in unserem Tennis, und selbst zwei bis drei Wimbledon – Finalisten werden wir gewiß bald unser eigen nennen dürfen. Diese große Hoffnung hat uns kein Geringerer als der vierte der Weltrangliste, der Amerikaner Budge Patty, entfacht, der in Duisburg die fünf Mann der (selbst in den Kreisen des Deutschen Tennis-Bundes heftig umstrittenen) Tennisschule auf dem Raffelberg trainierte, auf der nach den Versprechungen ihrer Gründer und Mäzene dem deutschen Tennissport die großen Spieler herangezüchtet werden sollen, die wir so dringend benötigen, wenn wir auch wieder einmal ein Wörtchen auf den internationalen Kampfplätzen des "weißen Sports" mitreden wollen.

Es war sehr dankenswert, daß eine junge westdeutsche Tennisenthusiastin die (außerordentlich naiven) Ansichten des Fachmannes aus den USA, der freilich seit fünf Jahren zu den besten Spielern des alten wie des neuen Kontinents gehört, in einem Interview des "Hamburger Abendblattes" festgehalten hat. Denn so erfuhren wir etwas, das wir bislang trotz allen guten Willens nicht feststellen konnten: daß das Fünfgespann der Raffelbergschule praktisch schon vollkommen fertige Spieler seien, denen man nur noch mit Kleinigkeiten nachzuhelfen habe, um sie "wimbledonreif" zu machen. Denn auf die ebenso naive Frage, ob denn die Biederlack, Huber, Feldbausch, Pottinger Und Scholl "Wimbledon-Sieger in spe" seien, dachte Herr Patty, mit einer tiefen Falte zwischen seinen Augenbrauen, kurz nach und meinte dann ernsthaft: "Ja, drei... nein, vier!" Womit er allerdings mehr Optimismus als Gottfried v. Gramm zeigte, der sich schon mit dreien zufrieden gab.

Was also kann uns nach diesem Urteil so bedeutender Tennisexperten noch böses passieren! Budge Patty hat den Raffelbergern in einem dreitägigen Kursus seine erfolgreichen Schläge gezeigt, ihnen amerikanisches Angriffstennis erklärt und sie immer nur "eine kleine Idee" korrigiert. Nun muß der "Deutsche Tennisbund" diese hoffnungsvollen Tennisjünglinge nur noch im nächsten Jahr von einem zu dem anderen internationalen Turnier hetzen – und das Spiel ist gewonnen! Aber ob Budge Patty selbst ernstlich daran glaubt, daß sich so leicht Tennistalente entwickeln lassen, das bleibt die Frage...

Es ist ein offenes Geheimnis, daß Fußball im Westen der Bundesrepublik nur noch eine wüste "Holzerei" statt ein anständiges Kampfspiel ist.Kein Spieltag vergeht, an dem nicht schwere Verletzungen gemeldet werden, und manche Vereine haben nur noch die Hälfte ihrer repräsentativen Mannschaft beisammen. Die anderen liegen auf dem Krankenbett oder humpeln hilflos herum. Der Grund liegt allein darin, daß jeder Klub, koste es, was es kosten mag, gewinnen will, gewinnen muß, um sich vor dem Abstieg in eine niedrigere Spielgruppe zu schützen, der jetzt noch dazu (infolge der Auflösung der zweiten Liga) einen Absturz ins Bodenlose bedeutet. Denn mit der Deklassierung sind erhebliche finanzielle Einbußen verbunden, für die einzelnen Spieler wie für den Verein insgesamt.

Das leidige Geld hat eine Härte in die Spiele getragen, die nicht mehr zu verantworten ist. So sollte man also den Alarmruf, der dieser Tage aus Leverkusen von Bayer 04 in die Fußballwelt hinaustönte, nicht überhören. Er enthielt die Mahnung, endlich wieder zu einem fairen Spiel zurückzufinden, das gefährliche Wort vom "rücksichtslosen Einsatz" aus dem Sprachschatz aller Fußballer zu verbannen, allzu nachsichtige Schiedsrichterentscheidungen in Zukunft zu vermeiden und in den höheren Instanzen bei sportlichen Vergehen schärfere Strafen zu verhängen oder von dem Gnadenrecht weit weniger Gebrauch zu machen als bisher.

Muß man diesem offenen Eingeständnis noch ein Wort hinzufügen? Werden nun nicht endlich die verantwortlichen Männer des Fußballsports eingreifen und dem ganzen wüsten Treiben ein Ende setzen?

Einen Notruf stieß auch der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Dr. Karl Ritter von Halt, aus. Er warnte erneut vor den Gefahren, die sich durch ein "hemmungsloses Leistungsstreben" gewisser Nationen für die Olympischen Spiele ergeben könnten, und meinte, daß das Prinzip des "Siegens um jeden Preis" den kulturellen Gehalt der großen Weltspiele bedrohe und sie zu einfachen und wertlosen Leistungsvergleichen unter den Völkern herabwürdige. Er forderte das Internationale Olympische Komitee auf, der gefährdeten olympischen Idee jeden Rückhalt zu geben und ihr weiteres Abgleiten in materialistische oder politisch gefärbte Ideologien zu unterbinden. Für Deutschland erklärte er verbindlich, daß es "getreu seiner Tradition mit sauberen Amateuren an den Spielen teilnehmen werde". Hoffentlich hat Herr von Halt mit seinen Beschwörungen Erfolg; wir werden es ja im nächsten Jahr in Melbourne erleben. W. K.